Die Psychologie der Normalisierung

geschrieben von Steven Black:

Es gibt Momente, in denen man sich fragt, wann genau sich etwas verändert hat. Wo ist der genaue Moment, wo das angefangen hat? Wo ist der Punkt, wo das Unsagbare plötzlich sagbar wurde? Und wenn du das ergründest, stellst du fest, diesen Moment gibt es nicht. Es gibt nicht den einen Knall, nicht den einen Skandal, kein einzelnes Ereignis. Sondern die Veränderung schleicht sich leise, fast unbemerkt in unser Leben. Dinge, die früher irritiert hätten, lösen heute kaum noch etwas aus. Worte, die einmal als Grenzüberschreitung galten, gehen im Hintergrundrauschen unter. Man nimmt sie zur Kenntnis, scrollt weiter, zuckt vielleicht noch kurz mit den Schultern.

Das Erstaunliche daran ist nicht, dass sich Gesellschaften verändern. Das tun sie ja immer. Erstaunlich ist, wie schnell sich das Absurde normal anfühlen kann. Nicht, weil Menschen plötzlich alles gutheißen, sondern weil sie sich anpassen. Anpassung ist kein moralisches Versagen, sondern eine menschliche Stärke.

Dieser Text handelt nicht von Extremisten, Randgruppen oder Ausreißern. Er handelt von der Gewöhnung, wenn Irritation durch Müdigkeit ersetzt wird. Und von der Frage, was das mit einer Gesellschaft macht, lange bevor von einem Kipppunkt gesprochen wird.

Ja, Menschen gewöhnen sich tatsächlich an fast alles. Ohne die menschliche Anpassungsfähigkeit gäbe es keine Evolution. Unglücklicherweise gewöhnen wir uns auch an Regelbrüche, Lügen und einer Sprache der Entmenschlichung. Anpassungsfähigkeit ist also ein zweischneidiges Schwert, evolutionär sinnvoll, im politischen Kontext eher gefährlich, wenn sich das Normale in die falsche Richtung verschiebt.

Anpassungsfähigkeit ist wichtig, weil es ein psychologischer Schutzmechanismus ist, der eine emotionale Runterregelung ermöglicht. Wir Menschen sind biologisch, psychologisch und sozial nicht dafür gebaut, permanent Alarmzustände auszuhalten. Emotionale Runterregulierung ist kein Defizit, sondern ein Überlebensmechanismus, um sich selbst zu schützen.

Wir leben momentan in einer Zeit der permanenten Dauererregung, egal, ob es sich um Weltnachrichten, Social Media, Pandemie oder Kriege handelt.

Unser Nervensystem unterscheidet grob zwischen: Alarm (Bedrohung, Stress, Aufmerksamkeit) und Ruhe (Regeneration, Einordnung, Lernen). Wenn wir mit einer Umgebung konfrontiert sind, die ständig Krisenmeldungen, permanente Empörung oder widersprüchlichen Informationen beinhaltet, dann erzeugt das nichts anderes als einen inneren Kriegszustand. Diesen Zustand zu regulieren ist eine Frage des Überlebens, um diesen Krieg nicht zu verlieren. Wenn ständig emotionalisierende Nachrichten und Meldungen an uns herangetragen werden, die signalisieren: “Hey, guck, das ist WIRKLICH WICHTIG!” und irgendwie plötzlich ALLEs wichtig wird, dann reagieren wir mit Distanz, kommentieren relativierend oder zynisch. Und mit Wut.

Emotionen sind an unsere Handlungsfähigkeit gekoppelt. Wenn wir also mit emotional herausfordernde Nachrichten konfrontiert sind, die uns betroffen machen, wir aber realistisch nichts dagegen tun können – und das regelmäßig, ist Runterregulierung die einzige Möglichkeit einen ohnmächtigen Spannungszustand erträglicher zu machen. 

Runterregulierung bedeutet dann zwangsläufig, weniger fühlen, weniger reagieren und emotional abflachen. Nicht etwa aus Gleichgültigkeit, sondern aus Überlastung. Aus purer Notwendigkeit passen wir uns an.

Dauerempörung zerstört Orientierung

Empörung ist ein starkes Gefühl – aber sie ist weder dauerhaft auszuhalten noch steuerbar. Wenn Empörung ständig ausgelöst wird, wenn sie auch noch medial mit Klicks und Likes belohnt und sozial eingefordert wird, dann reagieren wir irgendwann nämlich gar nicht mehr oder nur noch reflexhaft. Und beides führt zu Normalisierung.

Diese emotionale Abstumpfung schützt zwar vordergründig vor einem inneren Kontrollverlust. erodiert aber auch unsere Fähigkeit, das Unwichtige vom Gefährlichem zu unterscheiden. Emotionale Abstumpfung macht Hass und entmenschlichende Sprache weniger schockierend und Regelbrüche leichter erträglich. Nicht deswegen, weil man es gutheißen würde, sondern nicht mehr in seiner ganzen Wucht fühlt. Um es überspitzt zu formulieren: Runterregulierung schützt zwar den Einzelnen, kann aber im schlimmsten Fall das gesamte gesellschaftliche System gefährden.

Normalisierung ist ein einfacher Mechanismus, der selten bewusst erkannt wird. Normalisierung basiert grundlegend auf Wiederholung, was wiederum emotionale Reaktionen senkt. Weil wir beim Vergleich von Situationen nicht den historischen Kontext sehen, sondern mit dem vergleichen was gestern war. Und was sich wiederholt, verliert seine Schärfe – aber eben nicht seine Wirkung. Ein anderer wichtiger Faktor, der zur Normalisierung von unerfreulichen Situationen führt, ist die persönliche Verschiebung der inneren Schmerzgrenze. Wir Menschen haben manchmal die widersinnige Illusion, wir könnten ALLES aushalten oder überleben, wenn wir einfach nur unsere persönliche Schmerzgrenze erweitern. Was im Grunde ein Missbrauch an uns selbst ist und natürlich noch mehr Abstumpfung verursacht. Das ist Anpassung in ihrer negativsten Form.

An dieser Stelle angekommen, dringen Fakten nicht mehr durch.

Wie die meisten Menschen, bin ich auch dem Irrtum erlegen, man müsse einfach nur mehr erklären, besser informieren oder die Fakten für sich sprechen lassen.

Oh well ..

Faktenchecks und Aufklärung setzen am Verstand und der Logik an, scheitern aber regelmäßig an den Gefühlen. Wenn “der Bauch” bereits entschieden hat, kannst du erzählen, was du willst. 

Die Idee, man müsste Menschen, die einer Desinformation verfallen sind, nur die korrekten Informationen geben, damit der Irrtum erkannt wird, funktioniert selten und dann nur, wenn Menschen noch unsicher oder emotional offen geblieben sind. Ist Desinformation jedoch mit Identitätsstiftenden Inhalt verbunden, verspricht emotionale Absicherung und/oder gibt emotionale Bestätigung, werden Fakten nicht mehr als Angebot, sondern als Angriff betrachtet.  

Aufklärung und Faktenchecks kollidieren mit Zugehörigkeitsdenken. Du weißt schon, das ominöse Wir-Gefühl.

Meinungen und Überzeugungen sind heutzutage oft mehr Gruppenmarker und Signale von Loyalität, als tatsächlich gewachsene/erarbeitete Meinung. Wenn eine Überzeugung Identität und Zugehörigkeit stiftet, soziale Anerkennung bringt und womöglich noch eine geistige Entlastung anbietet und vor geistiger Ohnmacht schützt, dann bedroht die Korrektur dieser Überzeugung nicht die Meinung, sondern die soziale Bindung. Niemand gibt freiwillig Zugehörigkeit auf – auch nicht für die Wahrheit.

Desinformation wirkt durch ständige Wiederholung, emotionaler Zuspitzung und einfachen Erzählungen. Aufklärung hingegen ist komplex, es ist erklärungsbedürftig und vor allem, weniger emotional. Die einfache und ständige Wiederholung von Desinformation schlägt Aufklärung um Längen. Psychologie sagt uns: Was vertraut ist, fühlt sich wahr an – selbst wenn es falsch ist. Die Korrekturen und die Aufklärung kommen immer später, seltener und leiser. Desinformation und Populismus braucht keine rechtskräftigen Urteile, es reicht das einfache Bild, der Verdacht, das „Geschmäckle“, die Social-Media Schlagzeile.

Fakten konkurrieren mit der geistigen Erleichterung, die mit dem benennen von Schuldigen, Fingerzeigen und einfachen Schwarz-Weiß Bildern einhergeht. Und sie bieten eine Orientierung an, selbst wenn sie faktisch falsch ist. Das benennen von Tatsachen und Fakten, kann das nicht abdecken. Im Gegenteil, macht es die Welt komplexer, lässt Widersprüche zu und bietet wenig Trost.

Dazu kommt das nicht zu unterschätzende Gefühl, das Menschen bekommen, wenn sie den Eindruck haben, dass sie belehrt werden, vielleicht auch moralisch bewertet und irgendwie auf “die richtige Seite gezogen” werden sollen, was nichts anderes als eine psychologische Abwehr erzeugt. Anstatt Erkenntnis bekommt man Verhärtung, Trotz und Radikalisierung.

Die Realität ist: Wahrheit ist meistens anstrengender als die Lüge.  

Um diese ganze Situation besser verstehen zu können, müssen wir uns kurz mit trockenen, aber wichtigen Informationen befassen.

Wir leben in einer disruptiven Epoche, die unser Gehirn und unser Bewusstsein über sämtliche Grenzen dehnt, die wir bisher kannten. Das Internet und all seine Social-Media Komponenten, inklusive der wachsende Anteil von KI Inhalten/Bilder, ist eine relativ neue Erscheinung, die wir evolutionär noch längst nicht verarbeitet oder wirklich begriffen haben. Unsere Gehirnfunktionen sind das Ergebnis von Tausenden von Jahren an gelebter Erfahrung. Es ist grundlegend optimiert für eher kleine Gruppen,  zwischen 30–150 Personen, direkte soziale Rückmeldung, langsame Veränderung, begrenzte Informationsmengen.

Social Media hingegen ist global, es ist permanent und hochgradig beschleunigt. Seine Algorithmen sind auf Reaktionen und Interaktionen optimiert. Auch wenn wir das als evolutionären Sprung begreifen – das ist nichts anderes als ein Schock für unser Nervensystem und Bewusstsein.

Soziale Medien aktivieren uralte Mechanismen in uns und zwar in unnatürlicher Dosis. Während unsere Aufmerksamkeit früher auf reale Gefahren gerichtet war, auf den eigenen Status und der Anschluss an die eigene Gruppe lebensnotwendig war, werden dieselben neuronalen Netzwerke in uns rund um die Uhr getriggert, permanent verstärkt und auch noch kommerziell ausgenutzt. Unser Gehirn kann von alleine nicht unterscheiden, zwischen “der Stamm ist in Gefahr” oder der Empörung im Newsfeed. Die interne Reaktion ist die gleiche.

Unser Gehirn ist extrem sensibel für “die Gruppe/nicht die Gruppe” Inhalte. Für Zugehörigkeit und was sie bedroht. Social Media erzeugt künstliche Lager, verstärkt Feindbilder und belohnt klare Freund–Feind-Grenzen. Das bedeutet, es wird Stammeslogik getriggert, nicht Gesellschaftslogik.

Social Media macht jeden zum öffentlichen Akteur, es macht jedes Gefühl potenziell global sichtbar und absolut jede Meinung sozial bewertbar. Das erzeugt einen permanenten Identitätsstress, erzwingt ständige Selbstpositionierung und Verteidigungshaltung. Normalerweise lernen Menschen durch direkte Rückmeldung, durch Konsequenzen für Fehlverhalten und durch eine soziale Korrektur im nahen Umfeld. Im Internet fehlen reale Konsequenzen, unser neuronales Belohnungssystem ist durch Likes und Reichweite verzerrt und nicht etwa Mäßigung sondern Eskalation wird belohnt.

Social Media bildet aber nicht nur Konflikte ab, sie werden dort auch geformt und verschärft. Social Media verkürzt die natürlichen Reaktionszeiträume, unterdrückt Ambivalenz und es verschiebt Normen schneller, als Gesellschaften sie verarbeiten können. Kurz gesagt,  gesellschaftliche Konflikte werden emotionaler, schneller, persönlicher und weniger korrigierbar.

Wenn das Gehirn dauerhaft überreizt ist, permanent emotional reagieren soll und ständig neue Grenzverletzungen sieht, dann passiert was? Genau, die “drei Reiter der gesellschaftlichen Apokalypse” erscheinen: Emotionale Runterregulierung, Anpassung/Gewöhnung, Abstumpfung. Vielleicht erleben wir keinen Werteverfall, sondern eine neuropsychologische Überforderung. Und vielleicht ist die entscheidende Frage nicht, wie wir andere überzeugen, sondern wie wir ein Umfeld schaffen, in dem unser Gehirn wieder unterscheiden kann zwischen Lärm und Bedeutung, zwischen Empörung und Wirklichkeit.

Das Internet ist kein neutraler Raum. Es ist ein Umfeld, für das unser Gehirn nie gedacht war – und das erklärt einen Teil der Konflikte besser als jede Moraldiagnose. Dafür sind wir Menschen eigentlich nicht gebaut und es wird wohl noch einige Zeit brauchen, bis wir uns evolutionär daran angepasst haben. Aber wir sollten besser nicht darauf warten, bis Evolution das für uns erledigt. Der Mensch ist anpassungsfähig. Das hat uns weit gebracht. Aber nicht jede Anpassung ist Fortschritt. Manchmal ist sie nur ein Zeichen dafür, dass wir zu lange in einer Umgebung gelebt haben, die uns überfordert. Aber das können wir korrigieren, jeder für sich.

Until next time, same station ..

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@ Steven Black

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