Fühl das doch mal ..

In diesem Beitrag geht es um den emotionalen Fühlprozess, inklusive einem Mini Manual, wie man dabei vorgeht. Ich werde die hauptsächlichen Herausforderungen dabei ansprechen und was dabei alles auftreten kann. Leider reicht der Platz nicht aus, um erschöpfender in das Thema reinzugehen. Es gäbe weitaus mehr dazu zu sagen, aber ich weiß eben auch, dass man nicht alles mitteilen kann. Weil der ausschlaggebende Punkt immer die eigene Erfahrung ist und meine Erfahrung kann niemals die deine sein. Wenn du also wirklich Wissen möchtest, was alles passiert – dann wirst du es einfach tun müssen. Daran führt kein Weg vorbei und erst dann ist es DEINE Erfahrung ..

geschrieben von Steven Black:

Aktives Fühlen unterscheidet sich von der üblichen, durch Emotionen und Gefühle auftauchenden Empfindung. Wir alle haben manchmal emotionale Stimmlagen, von denen wir uns ein bisschen “gehäutet” oder “gejagt” fühlen. Und meistens reagieren wir darauf, wenn das auftritt, dass wir es schnellstens weghaben wollen. Je nachdem, wie versiert und geübt wir im Verdrängen und unterdrücken sind, funktioniert das auch – bis zum nächsten mal. Dadurch häufen wir einen Stau in unserem Emotionalkörper und unserem Unterbewusstsein an, weil wir auf diese Weise die schwierigen Emotionen nicht prozessiert, sondern nur in eine “Quarantäne” gestopft haben. Sie werden so sicher wie nur irgendetwas, immer wieder auftauchen und von Mal zu Mal heftiger. Beim aktiven Fühlen setzt man sich bewusst mit seinen Emotionen auseinander und verdaut sie dadurch. Das ist die heilende Gegenbewegung.  

Gefühl vs Emotion

Ein Gefühl ist einfach eine Reaktion auf irgendeine Wahrnehmung. Gefühle sind das Herzstück, der Kern von Emotionen, aber Emotion beinhaltet eine große Bandbreite an Kontext, nicht nur das Gefühl alleine. Emotion ist eine adaptive, anpassende Bewegung, was wir mit einem Gefühl tun – wie wir damit umgehen und sie bewerten.

Emotionen sind eine Dramatisierung und Intensivierung von Gefühlen, aufgrund der hinzugefügten Bewertungen. Emotionen steigen wie eine Rakete in uns auf und können uns auf eine Weise treffen, auf die wir meistens nicht vorbereitet sind. Emotionen sind ein geballte Mischung unterschiedlichster Informationen, die uns aufgrund ihrer Zusammenballung und dadurch viel stärkeren Ladung ziemlich überwältigen können. Die Emotionen beinhalten Gefühle, aber inkludieren auch die mentale, kognitive Bewertung, die wir über ein Gefühl irgendwann getroffen haben und bezieht ebenfalls die gesamte persönliche Vergangenheit mit ein – bis weit zurück in die frühesten Kindertage und die Geschichte, die mit einem spezifischen Gefühl im Allgemeinen und im Besonderen erlebt wurden.

Innerhalb der Emotion ist auch die Information über die strategische Reaktion enthalten, wie ich in der Vergangenheit mit einem speziellen Gefühl umgegangen bin und wie ich es ausgedrückt oder unterdrückt habe. Und das bedeutet, dass wir meistens die gelernte Reaktion wiederholen. Wir werden diesen “Wiederholungsmodus” solange machen, bis wir gelernt haben adäquat mit unseren Gefühlen umzugehen.

Der Mensch ist primär ein fühlendes und emotionales Wesen und die Bewertung von Gefühlen erfolgt schon, bevor es zu kognitiven Prozessen kommt, durch die simple Tatsache, dass sich manches einfach nicht gut anfühlt. Es gehört zu unserer Natur, dass wir positive, gute Gefühle bevorzugen und diejenigen, die sich nicht so gut anfühlen, lieber nicht erleben möchten und daher eine Aversion dafür entwickeln. Dazu hat die immense Kritik, die wir in unserer Kindheit eingefahren haben und die spätere, kognitive Bewertung unliebsamer Gefühle, viele unserer Emotionen mit Kontext verwurzelt, der stark mit Verzerrung behaftet ist. Natürlich wollen wir das am liebsten nicht fühlen ..

Wenn also in der Begegnung mit anderen Menschen, Umständen oder Situationen heftige Emotionen auftauchen, die meistens ein verwirrender Mix vielfältiger Eindrücke sind und damit einher tauchen Gedankenblitze in unserem Kopf auf, dann können wir davon sehr überwältigt werden. Es kann sein, dass wir daraufhin einfrieren oder erstarren, unfähig, angemessen darauf reagieren zu können. Vor allem, wenn wir nie gelernt haben, wie wir diese Emotionen handhaben können. Und wem von uns wurde das auch beigebracht? Wir leben in einer Gesellschaft von emotionalen Krüppeln, die meistens nur im Kopf leben und das Fühlen verlernt haben. Also muss man es sich selbst wieder beibringen. Die gute Nachricht ist – man kann das lernen und das ist auch gar nicht so schwierig. Aber es braucht natürlich etwas Übung, aber eigentlich jeder kann es lernen – außer, wenn bestimmte psychologische Muster oder Krankheit dies nicht erlauben.

Warnung:

Wenn ein schweres Trauma vorliegt oder wirklich schwere Depression, dann würde ich davon abraten, sich in Eigenregie damit auseinanderzusetzen. Sicher, es gibt Hardcoretypen, die schaffen das. Ausnahmen gibt es immer, aber das ist ein Glücksspiel. Das wirst du wahrscheinlich nicht alleine schaffen, wenn Fühlarbeit neu für dich ist. Da steht du alleine schnell im Wald und siehst die einzelnen Bäume nicht mehr. Dafür sollte man sich kompetente Hilfe suchen. Wir brauchen in diesen Prozessen andere Menschen dringend, weil wir alleine meist nicht in der Lage sind, dies durchzustehen, wenn es um wirklich heftige Kernthemen geht. Man muss das Rad nicht selber neu erfinden, es gibt viele kompetente Menschen, die einen dabei unterstützen können.

Anfangen: 

Als allererstes musst du deine “emotionale Haut” kennen lernen. Setz dich irgendwo hin, wo du genug Ruhe hast und versuche dich so gut du es vermagst, zu entspannen. Mit entspannen ist gemeint, dein ganzes Bewusstsein in den Körper sinken zu lassen. Wenn dir das gelungen ist, dann geh nun her und fühle dich durch deinen Körper. Du kannst anfangen, wo du magst – von oben nach unten oder umgekehrt – das spielt keine Rolle. Wichtig ist nur, dass du deine Wahrnehmung auf den Körper legst.

Wie fühlt sich der linke und rechte Fuß an?

Wie fühlt sich dein linkes und dein rechtes Bein an?

Wie fühlt sich dein Becken an, wie fühlt sich der Geschlechtsbereich an?

Wie fühlt sich dein Bauch an?

Wie fühlt sich deine linke und rechte Brust an?

Wie fühlt sich dein Hals an? 

Wie fühlt sich dein Gesicht an?

Wie fühlt sich der ganze Kopf an?

Wie fühlt sich die Wirbelsäule an?

Wie fühlt sich dein Hintern an?

Wie fühlt sich dein Körper im Ganzen an?

Wie fühlt es sich für dich an, diesen Körper zu haben?

Spüre so gut du kannst, in jeden dieser Bereiche hinein. Bleib in jedem Bereich einige Zeit. Versuch Unterschiede zu erkennen, wo es sich eher schwer oder leicht anfühlt.

Benenne es, was du wahrnimmst – egal, wie blöd es für dich vielleicht klingt. Nichts daran ist “blöd” .. 

Es gibt im übrigen keine allgemeingültigen Aussagen, wie es sich anfühlen soll und das ist auch nicht der Zweck der Übung. Es geht dabei einzig und alleine nur darum, dass du ein Gefühl für dich selber bekommst und darum, deine Spürsinne zu trainieren. Mache es regelmäßig und täglich, sitze mit dir  – sagen wir, für 15 Minuten als Minimum, 30 Minuten wären optimal. Und lerne dich dabei immer besser kennen und dich wohler in dir zu fühlen. Denn das wird bei dieser Übung als “Nebeneffekt” passieren.

Wenn du darin ungeübt bist, in deinen Körper bewusst hineinzufühlen, wird dir vermutlich als erstes auffallen, wie schwierig es ist, wirklich tief zu entspannen. Du wirst also etwas herumzappeln,  das ist nicht ungewöhnlich, sondern eher die Norm. Das beruht auf die vielfältige innere Anspannung, die wir sonst nicht bemerken. Daher würde ich jedem empfehlen, neurogenes Zittern als Begleitübung zu machen. Diese Übung wird auch TRE (Trauma-Release-Exercises) genannt, dabei wird durch das “Zittern” die biochemische und neuromuskuläre Ladung aus dem Körper abführt. Das Buch von David Berceli “Körperübungen für die Traumaheilung”, worin die 7 stufigen Übungen und ihre Ausführung genau erklärt werden, kann über die Seite des NIBA erworben werden.

Verwende neurogenes Zittern mindestens 2 x pro Woche und fühle täglich in deinen Körper hinein. Wenn du das eine Zeitlang gemacht hast, sagen wir, für mindestens 2 Monate – dann wirst du deine Fühlfähigkeit spürbar aktiviert und verbessert haben. Jetzt kannst du versuchen, dich langsam deinen Emotionen zu widmen. Wahrscheinlich sind bereits einige aufgetaucht, beim hineinspüren in den Körper.

Bevor wir nun das Vorgehen bei emotionalen Befindlichkeiten angehen, noch einige grundsätzliche Informationen und Richtlinien:

Wenn man Emotionen untersucht – und mit bewusster Fühlarbeit macht man genau das – dann stellt man fest, dass die Bedeutung von Emotionen einerseits komplex, andererseits gar nicht so schwierig ist. Komplex, weil der Umstand oder die Situation, welche heftige Emotionen in uns auslösen, selten identisch ist mit den Emotionen, die es in uns heraufholt. Was auch immer vorgeht, was auch immer jemand zu dir gesagt haben mag, hat mit der Gegenwart nur insofern etwas zu tun, als dass es diese Emotionen in uns getriggert hat. Das kann dich so vernebeln, dass du vielleicht etwas völlig anderes gehört hat, als wirklich gesagt wurde. Möglicherweise wirst du dabei von abwertenden, kritischen Gedanken begleitet und versinkst in ein Feld von Selbstmitleid oder Traurigkeit. Wenn so eine Situation live ist, dann bleibt meistens nur die strategisch eingelernte, reaktive Lösung übrig (Wächterbewusstsein), um da durchzukommen. Und meistens bedeutet das Angriff oder Erstarrung ..

Mitten in der Situation gibt es kein klares Denken mehr, man ist in einem Mix unterschiedlicher Emotionen gefangen, die wiederum ein Gedankenkarussell antreiben, dem du unmöglich folgen kannst – so blitzartig läuft das. Und plötzlich fühlst du dich vielleicht wie ein Fünfjähriger, hilflos deinen Emotionen ausgesetzt  – die eventuell tatsächlich schon mit dem Alter von 5 Jahren aufgetreten sind. Das kann sein .. muss aber nicht sein.

Hinter Emotionen kann viel stecken – es kann die Emotion eines inneren Anteiles sein. Es könnten tatsächliche Erlebnisse aus der Kindheit damit zusammenhängen. Es könnte auch eine übernommene Emotion aus deiner Familie damit verbunden sein. Und dann kann es noch sein, dass diverse emotionale Reaktionen von Persönlichkeitsanteilen stammen, die wir in einem Vorleben gelebt haben (oder leben – because, there is no linear time)  und die zu uns “durchbluten”. Wir alle sind sehr vielschichtig – aber da wir nun einmal lineare Zeit erfahren, ist es sinnvoll und stimmig, es als Vorleben zu adressieren.

Das alles ist möglich, aber was auch immer der Hintergrund sein mag, man muss die Ursache emotionalen Unbehagens nicht unbedingt kennen, um es zu prozessieren. Aber wahrscheinlich offenbart sie sich, im Laufe der emotionalen Fühlarbeit. Wenn du MIT deinen Emotionen bist, dann haben sie dir vieles zu erzählen.

Focusing - Der Stimme des Körpers folgen: Anleitungen und Übungen zur SelbsterfahrungEs gibt unterschiedliche Herangehensweisen bezüglich emotionaler Fühlarbeit. Zwei herausragende sind “FOCUSING” und “der PRÄSENZPROZESS”. Ich habe beide verwendet und mittlerweile meine eigene Anwendung entwickelt, die für mich am effektivsten funktioniert und ein bisschen eine Mischung aus beiden Methoden ist. Beide Methoden können autodidaktisch relativ leicht gelernt werden, wenn genug Motivation vorhanden ist, sich seinen Themen zu stellen. Aber nochmal – mach das nicht, wenn schwer traumatische Themen vorliegen.

Wir alle können Fühlen, immer, aber mit unterschiedlichem Gewahrsein und Männer fühlen anders wie Frauen. Das “normale Fühlen” ist Gefühle wahrzunehmen, sie zu begrüßen, wenn sie freudiger Natur sind, aber abzulehnen, abzuwehren, zu verdrängen, wenn sie eher unerfreulich sind. Das unerfreuliche bewerten wir als nicht gewollt, als bedrückend und anstrengend – nichts wie weg damit. Bewusstes, aktives Fühlen ist die heilende Gegenbewegung, um eine Integration in uns herbeizuführen. Aktives Fühlen meint, dass wir jedes Gefühl, jede Emotion bewusst erlauben und Fühlen. Wir sind MIT diesen Gefühlen und Emotionen, wir sind MIT unseren Konflikten und Widersprüchen. Dieses zulassen aller Emotionen führt zur Verdauung und Integration von Emotionen, damit reduziert sich die Notwendigkeit von Abwehr – und Verteidigungsmaßnahmen. Die Kraft gelebter Gegenwart von [Brown, Michael]

Die hauptsächliche Herausforderung bei aktivem Fühlen ist es, NICHT in die volle Identifikation mit der Emotion zu fallen. Da die Emotionen und Gedanken in DIR, in deinem Körper, in deinem Nervensystem auftaucht, identifizierst du dich damit – weil  ja DU es fühlst. Da wir die Neigung haben, uns mit allem zu identifizieren, was in uns auftaucht an Gedanken und Emotionen, ist es notwendig und angebracht, einen inneren Raum in uns zu erschaffen, der so neutral wie nur irgendwie möglich, jede Emotion, jeden Gedanken so sein lässt, wie sie gerade in uns auftauchen – ohne es zu bewerten. Das bedeutet, du musst ein Gegenüber schaffen und die Fähigkeit in dir aktivieren, in BEZIEHUNG mit deinen Emotionen und Gefühlen zu kommen. Da bist also DU, der die Emotionen bereitwillig fühlt und erlaubt und am anderen Ende sind all die Teile von dir, die in problematischen Emotionen feststecken.

Du kannst nicht in einer Beziehung mit deinen Emotionen sein, wenn du Hals über Kopf mitten drin steckst. Denn dann bist du nur die Emotion, kannst davon überwältigt werden und darin “untergehen”. Es braucht ein Gegenüber, das fähig ist, es zu prozessieren ohne dabei unterzugehen. Beispielsweise ist da die Emotion von Eifersucht und Du, das Gegenüber, erlaubt der Eifersucht anwesend zu sein. Es ist immer nur ein Teil in dir, der in emotionalen Konflikten oder Problemen steckt – es ist NIE das Ganze in dir. Nicht alles in dir fühlt Schmerz, Verlust, leidet oder freut sich die ganze Zeit.

Anfangs wird dir das etwas abstrakt vorkommen, in eine Beziehung mit deinen Gefühlslagen zu treten. Es ist einfach nur neu, du wirst dich nach und nach daran gewöhnen. Diese Beziehung wird sich, wie bei neuen Bekanntschaften im Leben auch, Schritt für Schritt mehr etablieren. Man baut das auf, einfach anfangen – das kommt dann schon. So sind wir alle zu dem geworden, die wir heute sind – Wiederholung, dadurch prägen wir uns. Und so lernen wir auch neue Fähigkeiten oder aktivieren alte, vergessene.

Vorgehensweise:

Du setzt wieder in Ruhe hin und benutzt deine natürlich vorhandene Fähigkeit zu Fühlen. Du kannst sitzen oder liegen, ganz wie du magst und du dich bequem fühlst. Du weißt schon, Telefon aus, Türe zu, Störungen werden nicht zugelassen. Entspanne dich so gut du kannst, in deinen Körper hinein. Wenn es dir unmöglich ist, dich entspannt wahrzunehmen, empfehle ich, dich vorerst mehr auf das neurogenetische Zittern zu verlegen. Wenn du also soweit bist, dich halbwegs entspannt wahrnehmen zu können, fühle in den Körper hinein, nimm wahr, wie du grade sitzt oder liegst.

Ob es sich irgendwo schwer oder leicht anfühlt. Meistens “kugelt” das Thema von alleine heraus – falls nicht,  konzentriere dich auf ein Problem oder eine emotionale Gemütslage, dir dir immer wieder zu schaffen macht. Ich bin sicher, du wirst nicht lange suchen müssen. Was auch immer auftauchen mag – bleib, so gut du kannst, in der erlaubenden Position und lade JEDES Gefühl ein, mehr hereinzukommen – versuche es auszuhalten. Schicke es nicht weg, unterdrücke es nicht, verurteile es nicht. Versuch offen und neugierig zu sein, was sich dir zeigt.

Ich weiß, das klingt einfacher, als es tatsächlich ist.

Für gewöhnlich wirst du bemerken, dass unterschiedliche Stimmen und Reaktionen in dir auftreten. Beispielsweise – nehmen wir an, es handelt sich um ein Scham – oder Schuldgefühl. 

Scham – oder Schuldgefühle können richtig “brennen”, hinein mischen werden sich vielleicht andere Stimmen in dir, die sagen – “es ist nicht in Ordnung, ich sollte mich nicht so fühlen” – oder “Stimmen”, die zornig sind, sich so zu fühlen. Es können auch Teile in dir hervorkommen, die Angst vor der Scham haben – und du wirst diese ganze Mixtur emotionaler Befindlichkeiten immer als”ICH fühle so” wahrnehmen. Also das Scham – oder Schuldgefühl (um beim Beispiel zu bleiben) und gleichzeitig den Ärger, dich so zu fühlen. Gleichzeitig, dass du dich nicht so fühlen solltest und wahrscheinlich auch noch die Angst, diese Emotionen ganz nach oben steigen zu lassen. So eine aufgeblähte Mischung an Emotionen kann einen richtiggehend vernebeln.

Du bekommst also eine oder mehrere Emotionen, zu deiner Emotion. Wilde Stürme von kritischen und abwertenden Gedanken werden folgen.

Das kann eine erlaubende, neutrale Position in dir zu halten und eine Beziehung mit der Emotion zu etablieren, zu einer ziemlichen Herausforderung machen. Mach dich also nicht verrückt, wenn du dich anfangs schwer damit tust, neutral zu sein. Diese Art von Neutralität, gegenüber schwierigen Gefühlslagen kommt nicht von heute auf Morgen. Das braucht einen langen Atem und Spucke. Und bis man das kann, haltet man all die unerfreulichen Gefühle aus und lässt sie durch sich “durchbrennen”.  Man erträgt also die unbequemen, aufwühlenden und oft unliebsamen Emotionen, bis man es schafft, ihnen Neutralität entgegenzubringen.

Herausfordernd, sicher. Aber machbar, man geht einfach Schritt um Schritt. Manchmal wirst du “hinfallen und stolpern”, dich dennoch voll mit den Emotionen identifizieren und reinfallen. Das wird nicht nicht umbringen. Das ist in Ordnung, einfach weiter dranbleiben und üben.

Im FOCUSING geht man zum Beispiel her und benennt die aufkommenden Gefühle/Emotionen. Focusing kann man zu zweit oder alleine machen. Wenn man zu zweit ist, dann sagt der eine, der seine Emotionen fühlt – beispielsweise, ETWAS in mir fühlt sich traurig. Die Aufgabe des Partners ist es, wortwörtlich zurückzureflektieren, was gesagt wurde und sich ansonsten nicht einzumischen. Er sagt also, “aha, ich höre, etwas in dir fühlt sich traurig.” Das gibt dem Teil, der diese Emotion hat, das Gefühl gehört und angenommen zu werden. Wenn du alleine bist, machst du das auch so – du benennst die aufkommenden Emotionen, als “ETWAS in mir fühlt sich” .. so und so. Das ist wirklich hilfreich. Damit wird deutlich zum Ausdruck gebracht, dass du es mit einem Teil in dir zu tun hast und nicht mit allem in dir. Das erlaubt dir Abstand zu haben und die neutrale Position beizubehalten. Aber du fühlst die aufkommenden Emotionen in dir und lässt sie da sein.

Du willst sie nicht weg haben ..

Du bleibst einfach inmitten des emotionalen Wirbelsturms präsent und weichst ihm nicht aus. Man fühlt, was gerade da ist und wo auch immer es sich in dir zeigt. Manchmal kann da einfach nur Verwirrung oder Desorientierung sein. Dann fühlt man einfach die Verwirrung, man fühlt immer das, was gerade auftaucht und fokussiert sich dann darauf.  

 Emotionen können praktisch überall auftauchen. Und das tun sie auch. Manchmal tauchen Emotionen in der Brust auf, im Bauch, um das Herz herum, im Hals, in den Armen, im Rücken, auf der Haut, Beckengegend, Wirbelsäule, Chakren rotieren wie wild – ist wirklich sehr unterschiedlich. Der Punkt ist – du gehst mit deinem Spürsinn überall hin, wo er grade gebraucht wird und zoomst in die Emotionen hinein.

Ich gehe immer in mein Herz – Herzchakra, und beziehe dort meine neutrale Position. Das ist, wie es für mich am besten funktioniert. Hier habe ich einen festen Ankerpunkt, von wo aus ich operiere. Aber ich mache das natürlich schon einige Zeit.

Für dich ist wichtig, einen eigenen Raum in dir zu finden oder zu entwickeln, von wo aus du alle aufkommenden Emotionen neutral passieren lassen kannst. Das wird dir nach und nach, immer mehr gelingen. Im fortgeschrittenen Stadium, wenn du das einige Zeit geschafft hast, versuchst du deinem Schmerz und allem was kommt, Mitgefühl entgegenzubringen. Du strahlst das Mitgefühl zu dem Teil in dir, der die Emotion ausdrückt. Das kann ein trauriges Inneres Kind sein, ein wütender, rebellischer Teenager, ein frustrierter Erwachsenenanteil – gib den Emotionen ein Bild, eine Form. Personalisiere es so gut du kannst und umarme die Emotionen. Sehr oft haben gestaute Emotionen mit Kindheitsgeschichten zu tun. Wenn es sich für dich stimmig anfühlt, dann sieh dieses Kind, dass du einmal warst und umarme es, tröste es, hab Mitgefühl mit ihm.   

Du wirst vielleicht versucht sein, mit diesem Inneren Kind oder anderen auftauchenden Empfindungen zu diskutieren. Es eventuell zu überzeugen versuchen, dass die Zeit ja längst vorbei ist. Ja, das mag schon stimmen, aber das hilft dem Anteil von dir nicht. Manchmal brauchen wir alle jemanden, der uns einfach umarmt oder über den Kopf streicht. Das ist manchmal alles, was es braucht. Einfach angenommen zu werden. Indem du das machst, Be-elterst du dich quasi selbst und gibst dir, was dir bisher sonst niemand geben konnte. Denn dieses Innere Kind, was sich über Emotionen mitteilt, ist ein Anteil von dir, den du trägst. Die Emotionen sind deine, die du als Kind erlebt und wahrscheinlich weggedrückt hast. 

Man kann jedoch jedem Teil und jeder Emotion Fragen stellen:

Beispielsweise – warum hast du Angst? Wovor fürchtest du dich? Weshalb fühlst du dich so einsam und verlassen? Wieso bist du traurig?  

Antworten können auf verschiedene Weise auftauchen – entweder durch visuelle Bilder, plötzlich auftauchende Gesprächsfetzen im Kopf oder als eine Erinnerung, aus der Vergangenheit. Manchmal aber kommt gar nichts, vielleicht gibt es im Moment einfach keine Antwort.

Dran bleiben ..  

Wenn du das jeden Tag machst, dich darin übst, MIT deinen Emotionen zu sein, dann geht das irgendwann auch. Du lernst, Schritt für Schritt, jedes noch so unerfreuliche Gefühl willkommen zu heißen und zu erlauben. Das bedeutet allerdings nicht, dass ALLES in dir das gut findet oder erlaubt, aber man erlaubt auch DAS. Mit den problematischen Emotionen zu sein ist neu. Also bitte, sei geduldig und überfordere dich nicht. Wie das Sprichwort sagt, Meister fallen nicht vom Himmel – dafür ist viel üben notwendig. Die Realität ist ja, dass man oft 20, 30 Jahre mit dem verdrängen und unterdrücken zugebracht hat – daher benötigt es einfach Zeit, den “Spieß umzudrehen”.

Bei vielen Leuten ist es zu Beginn schwierig, überhaupt irgendwelche Emotionen wahrzunehmen. Bei anderen “kugeln” sie nur so daher. Menschen sind unterschiedlich, wir mögen grundsätzlich ähnliche Betriebssysteme haben, aber haben teilweise andere Kanäle und Routinen entwickelt. Und bei einigen, sehr gut vergrabenen Emotionen, da braucht es manchmal jemanden oder eine Situation, wo das getriggert wird – damit du es Fühlen kannst. Wenn man in der Sicherheit der eigenen 4 Wände sitzt, dann fehlt einfach der bestimmte Grad an Bedrohung, der mit manchen Emotionen verbunden ist. Ich empfehle, wenn das passiert, wenn irgendeine Situation live auftritt, die dein Unbehagen triggert – dann geh nach Hause, sobald du kannst – und setz dich hin und fühle dieser Emotion auf den Zahn. Wenn es noch am selben Tag ist, dann sollte es relativ leicht hervorzuholen sein.  

Mit der Zeit wirst du lernen, mehr und mehr Emotionen zuzulassen, die du früher einfach “weggeschickt” hast. Als Menschen haben wir das quasi antrainiert bekommen und wir tun es meist reflexartig. Wir behandeln dann unsere unerfreulichen Gefühlsregungen, als wären sie irgendwelche lästige Penner, auf der Suche nach dem nächsten Euro. Und wir sagen – schleich dich, hau ab.

Aber das tun sie nicht, im Gegenteil. Sie gehen nur tiefer in den Untergrund und werden stärker, aufgrund des inneren Konfliktes, in dem wir stecken und der durch das nicht-haben-wollen erzeugt wird. Wir halten diese Emotionen dadurch in unserem Inneren fest und das Drama aufrecht. Verdichten sie mehr und mehr, schicken weg, unterdrücken, anstatt zu erlauben, dass sie sich zeigen. Die Ironie ist, indem belastende Emotionen aktiv und bewusst gefühlt werden, können sie verdaut und integriert werden. Und müssen nicht mehr länger in den inneren Stauräumen verharren und können sich aus deinem Feld entladen. Im aktiven Fühlen befreit man seine gestauten Gefühle/Emotionen und lässt sie “durchlaufen”. Regelmäßiges praktizieren wird dazu führen, dass du wesentlich besser in dir präsent bleiben kannst, wenn eine schwierige Situation für dich live auftritt.

Wer diese Fühlarbeit macht, der geht üblicherweise durch einige Phasen, die den 5 Phasen der Trauer, nach Elisabeth Kübler-Ross, gleichen.

Zuerst kommt die Leugnung und das nicht-wahr-haben-wollen, dann vielleicht Ärger oder Wut, als nächstes versuchst du mit deinen Teilen und mit dem Leben an sich zu verhandeln, dann folgt oft Hoffnungslosigkeit oder Resignation und schlussendlich kommt die Akzeptanz. Zumindest bei wirklichen Kernthemen geht man durch diese Phasen. Und jede benötigt ihre Konsolidierungszeit. Von Leugnung zu Akzeptanz zu springen funktioniert nicht, es ist ein Prozess. 

Und Akzeptanz, dass sich “Dinge” eben so anfühlen, ist tatsächlich das Endresultat. Dadurch erwächst und reift die Akzeptanz für einen selbst. Selbstakzeptanz, ganz egal wie gebrochen ein Teil sein mag oder wieviel Schmerz du durchstehen musstest. Aber es ist auch dieser Schmerz, den du erlebt und getragen hast, der dich einiges lehrte und die Person, die du jetzt bist reifen ließ. Mit der Akzeptanz kommt die Weisheit, die ein Schmerz anzubieten hat.      

Nebenwirkungen:

Diese Fühlarbeit hat “Nebenwirkungen” – man fühlt mehr, nicht weniger. Wenn du diese innere Arbeit beginnst, weil du deine unerfreulichen Emotionen nur weghaben willst – vergiss es. Deine gemachten Erfahrungen hast du gemacht, das kannst du nicht ungeschehen machen. Was durch bewusstes Fühlen passiert, wenn man es ernsthaft und lange genug macht, ist eine Akzeptanz und Integration des Erlebten. Dadurch bestimmt es nicht mehr dein Leben. Ein weiterer, sehr angenehmer Nebeneffekt ist die Realisierung, wie viele deiner Ängste irrational und nicht in der Realität begründet waren.

Durch die Fühlarbeit verstärkt sich die emphatische Wahrnehmung, gleichzeitig wird man aber resilienter gegenüber unerfreulichen Emotionen. Man lernt unerfreuliche Emotionen anzunehmen und akzeptiert sie als wertvolle Botschaften, die einem etwas zu sagen haben. Das bedeutet allerdings nicht, dass du nicht manchmal trotzdem damit haderst.

Deine Fähigkeit zu Fühlen ist der Wegweiser, durch dieses bislang unbekannte Gebiet, deren Bewohner die Namen Angst, Scham, Depression, Wut, Hass, Todessehnsucht tragen. Wenn du dieses Gebiet in dir durchquert hast, macht es dir keine Angst mehr und du wirst mehr in der Gegenwart sein und sie genießen können. Du wirst erkennen, dass du ein fühlendes Wesen bist und dass die Welt nicht nur Grautöne, sondern auch viel Buntes hat.

Fühlarbeit ist nicht dafür da, dass du eine Art Teflon Schicht bekommst, um unangenehmes nicht mehr Fühlen zu müssen. Fühlen erlaubt dir zu akzeptieren, wer du bereits bist. Ein verletzliches, einzigartiges, sensibles und mitfühlendes Wesen, und damit okay zu sein, in einer Welt, die Großteils nur im Kopf lebt. Ich wünsche dir eine gute Reise zu dir selbst!

Until next time same station ..

Quellennachweise:

https://stevenblack.blog/2015/03/10/neurogenes-zittern/

www.niba‑ev.de

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@Steven Black

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