Die Zeichen der Zeit

geschrieben von Steven Black:

Die Realität ist im Moment ein ziemlich harter Ritt. Wie aus dem Nichts, tut sich ein Abgrund nach dem anderen auf. Diskursverschiebungen auf allen Ebenen, Regelbrüche, Social-Media als Brandbeschleuniger und politisch willfährige Erfüllungsgehilfen, erzeugen ein gesellschaftliches Klima, das einem Sorge bereiten sollte.

Als menschliche Gesellschaft steuern wir auf Kipppunkte zu, die durchaus vergleichbar mit den Kipppunkten der Klimaerwärmung sind. Der Vergleich mag klingen, als sei er weit hergeholt. Aber diese beiden Ereignisse haben mehr gemeinsam, als man auf den ersten Blick vermuten würde. Und natürlich kann man das nicht 1:1 übertragen, aber für ein bildliches Modell zur Veranschaulichung systemischer Krisen, durchaus brauchbar.

Erwärmung der Erde vs Erwärmung der gesellschaftlichen Atmosphäre 

Die Klimaerwärmung kann mit physikalischen Parametern beschrieben und wissenschaftlich erklärt werden, wodurch sie leichter begreiflich ist. Eine menschliche Gesellschaft kann zwar nicht mit physikalischen Begriffen beschrieben werden, aber auch sie ist ein System mit eigenen Parametern. Und in beiden Systemen gibt es Signale, die man messen und daraus Schlüsse auf ihren Zustand ziehen kann.    

Während beim Klima CO2 der hauptsächliche Treiber der Erwärmung ist, “erwärmt sich” eine Gesellschaft über ökonomische Ungleichheit, politische Skandale, steigende Lebenshaltungskosten und allgemeiner Unzufriedenheit. Ich will mich gar nicht mit der Aufzählung politischer Skandale aufhalten, die das Vertrauen in die Politik schwächten. Wir kennen sie alle. Nur so viel: Im Jahre 2000 kam es in Folge der CDU Spendenaffäre, zum Rücktritt von Helmut Kohl als Ehrenvorsitzender der CDU. Auch Wolfgang Schäuble trat deswegen als Parteivorsitzender zurück. Es herrschte noch die Bereitschaft, Fehler öffentlich einzugestehen und dafür die Verantwortung zu übernehmen. Heute passiert das kaum noch und Skandale werden ausgesessen und/oder gerichtlich verschleppt, bis Gras über die Sache gewachsen ist.

Während sich Vermögen in den Händen reicher Einzelpersonen und großer Konzerne konzentrieren, sinkt die reale Kaufkraft für breite Schichten der Bevölkerung. Steigende Mieten und hohe Energiepreise, das Leben wird allgemein teurer, während das Einkommen kaum steigt. Als Folge davon wird Politik zunehmend als inkompetent, zu lasch, realitätsfremd oder zahnlos betrachtet.

Erwärmung der Gesellschaft durch Verschwörungstheorien

Seit den 1990 er Jahren füllte sich das Internet mit immer mehr Verschwörungstheorien. David Icke, britischer “Großmeister der Reptiloidenverschwörung”, William Gay Carr, der eine jüdische Weltverschwörung durch Illuminaten halluzinierte. Milton William Cooper, ein Mitglied einer amerikanischen, rechten Milizbewegung, phantasierte mit “Majestic 12” eine Superverschwörung herbei, die eine Weltregierung durch die Trilaterale Kommission, gemeinsam mit Aliens und der Delta Force herbeiführen würden. Manfred Adler, ein römisch-katholischer Ordenspriester schrieb “Söhne der Finsternis”, wonach “die Weltmacht Zionismus”, gemeinsam mit Vertretern der “internationalen Hochfinanz“, Freimaurern und kommunistischen Diktatoren, eine Weltherrschaft errichten wollen. Alex Jones und viele andere.

Auf der deutschen Seite gab es dann Jan Udo Holey, Jo Conrad, Daniele Ganser, Oliver Janich,  Peter Orzechowski, und viele mehr. Von denen gibt oder gab es nicht einmal originelle Verschwörungstheorien, sie haben lediglich die amerikanischen oder britischen Autoren kopiert. Jeweils einzeln betrachtet, scheinbar harmlose Außenseiter mit missionarischem Sendungsbewusstsein und Narrativen, die empirisch nicht haltbar sind. Vielleicht sogar amüsant, solange man nicht glaubt, was sie einem erzählen. Doch ihre Erzählungen von einer großen Verschwörung – je größer, desto besser, fiel auf fruchtbaren Boden. All die Verschwörungstheoretiker machen das gleiche – sie injizieren und übertragen ihr eigenes Opferdenken auf ihre Leser und nennen es Wahrheit. Ganz egal, ob nun die Bösewichter in ihren Geschichten Reptiloiden, Illuminati, Freimaurer, Banker oder Aliens sind.  

Komplexe Phänomene (Pandemien, Wirtschaft, Migration, Krieg) werden reduziert auf eine geheime Gruppe (die da Oben) und einen großen Plan (gegen die da Unten). Sie alle haben dazu beigetragen, negative Narrative und Misstrauen in die Köpfe und Herzen von Menschen zu pflanzen, die mit der Realität nichts gemeinsam haben. Seitdem hat sich die Anzahl der Verschwörungstheoretiker vervielfacht und offensichtlich stieg auch die Anzahl an Menschen, die sich bereitwillig von solchen Leuten die Realität erklären lassen. Und die sich dann als Teil einer “Wahrheitsbewegung”, als eine Art Rebell gegen “die da Oben” wähnen.  Es ist auch wenig überraschend, dass all die Autoren von Verschwörungstheorien entweder rechtskonservativ bis rechtsradikal in ihren Ansichten waren/sind. Es gibt allerdings einige, die mit einer Linksradikalen Agenda schreiben.

Da wird phantasievoll gelogen, erfunden und uminterpretiert, dass sich die Balken biegen. Da wird nahezu alles verwendet und zweckentfremdet. Angefangen von Staatskritik, juristische Implikationen, medizinische Studien, gesellschaftspolitischen Themen aller Art, bis hin zur schlichten Leugnung von realen Gegebenheiten. Damit erhitzen sie die Herzen und Köpfe von Menschen, verunsichern und manipulieren.   

Und dann kam die Corona Pandemie, mit all ihren unbequemen Konsequenzen. Und da zeigte sich, dass wir nicht nur eine Virus Krise hatten. Ein großer Teil der Gesellschaft litt auch an einer mentalen und emotionalen Krise! Und es traten eine Vielzahl neuer Verschwörungstheorien auf den Plan, welche die Impfung oder Covid 19  betrafen. Plötzlich ging es nicht mehr um Fakten, sondern Gefühle. Die Bereitschaft, empirische Belege anzuerkennen, verringerte sich stark. Intuition, Misstrauen und Einzelfällen, wurde mehr Gewicht beigemessen als wissenschaftlichen Tatsachen. Ein großer Teil der Bevölkerung schien die Fähigkeit verloren zu haben, mit Ambivalenz und Unsicherheit umzugehen. Vermeintliche Wahrheiten wurden nicht mehr überprüft, sondern einfach nur gefühlt.   

“Fühl ich so, muss wahr sein.”

Als Folge von Verschwörungstheorien der letzten 30 Jahre stieg in der Gesellschaft das Misstrauen, die Feindbilddichte, die emotionale Erregbarkeit und Gereiztheit, gepaart mit einer moralischen Gewissheit, es besser zu wissen.

All diese Faktoren wirken wie Treibhausgase im gesellschaftlichen System.

Feedbackschleifen

Klimaerwärmung-Feedback-Schleifen sind sich selbst verstärkende (positive) oder abschwächende (negative) Kreisläufe im Klimasystem, die auf eine anfängliche Erwärmung reagieren, wie z.B. der Wasserdampf-Effekt, der mehr Wasserdampf (ein Treibhausgas) in die Atmosphäre bringt und die Erwärmung verstärkt. Auch das Abschmelzen von Eis (Albedo-Effekt) und die Freisetzung von Methan zählen dazu.

Solche verstärkenden oder abschwächenden Feedbackschleifen gibt es auch im gesellschaftlich – sozialen Kontext. Eine der schlimmsten Feedbackschleifen mit verheerender Wirkung auf die Gesellschaft ist das Internet und seine Social – Media Komponenten. Was einst angedacht war zur besseren Vernetzung, Bildungsverstärkung und mit der leisen Hoffnung verknüpft war, die Gesellschaft insgesamt zu verbessern, hat sich mittlerweile als Brandbeschleuniger mit enorm negativen Effekten für die Gesellschaft erwiesen. Die Plattformmonopole von Facebook,Twitter und Co, deren Algorithmen Empörungskreisläufe belohnen und Blasenbildung verstärken, heizen die Stimmung weiter an.

Es hat nicht lange gedauert, bis auch politische Parteien und Demagogen die Macht des Internets und der Desinformation begriffen hatten und bereitwillig auf diesen Zug aufgesprungen sind. Sie haben als erste verstanden, wie man Verschwörungstheorien und vollkommenen Blödsinn, in politische Wählerstimmen konvertieren kann. 

“Flood the Zone with shit.”

2018 sagte Steve Bannon: “The Democrats don’t matter. The real Opposition is the media. And the way to deal with them is to flood the zone with shit”. Zu Deutsch: “Die Demokraten spielen keine Rolle. Die wahre Opposition sind die Medien. Und der Weg, mit ihnen umzugehen, ist, das Feld mit Unsinn zu überfluten.”

Was Bannon in den USA machte, wird von der AFD in Deutschland und der FPÖ in Österreich kopiert. Und zwar erfolgreich. Wähler mit Argumenten zu überzeugen ist inzwischen weniger erfolgreich, als die Öffentlichkeit mit blankem Unsinn, Halbwahrheiten und sorgfältiger Rosinenpickerei hinters Licht zu führen.

Eine beständig ansteigende Zahl an Bloggern, Webseiten und Social Media Posts buhlen um unsere tägliche Aufmerksamkeit. Und kaum jemand nimmt sich noch die Zeit, um sich zu fragen, ist es wirklich wahr, was ich da sehe, höre oder lese?  Es herrscht eine solche Vielfalt an Informationen und Meinungen , die oft Interessenbezogen gefärbt, manchmal einfach nur fantasievoll erlogen und nur teilweise wahr sind, dass es im Grunde etwas Zeit und Energieaufwand erfordern würde, die Tatsachen von Gerüchten und Lügen zu trennen. Eine persönliche Bemühung, die kaum jemand bereit ist aufzuwenden.

Aber das ist es, was wir alle lernen müssen.

Ohne Medienkompetenz laufen wir Gefahr, in der Informationsflut unterzugehen. Nicht nur das lesen von Texten, auch das gucken von YouTube Videos oder Filmen erfordert heute immer mehr kritisches Unterscheidungsvermögen. Das kritische Filtern von Informationen, Kommentaren, Textinhalten und die angebotenen Bilder dazu, erweist sich als eine immer steiler werdende Herausforderung. Heutzutage sind für jedes x beliebige Thema, völlig unterschiedliche und sich oft widersprechende Meinungen im Umlauf. Und wir erleben das Phänomen, dass Leute oft nur mehr die Überschrift von Beiträgen lesen und nicht mehr den ganzen Artikel. Die Aufmerksamkeitsschwelle ist bei einigen Menschen außerordentlich niedrig geworden. Überschriften alleine können bereits zu emotionalen Auszuckungen führen.

Kipppunkte

Kipppunkte sind  kritische Schwellenwerte in einem System, deren Überschreitung zu scheinbar plötzlichen und weitreichenden Veränderungen führt. Aber Kippunkte sind eben kein plötzliches Ereignis, sondern das Ergebnis langer, scheinbar harmloser Akkumulationen. Und an irgendeinem Punkt, kippt dann das System. Der berühmte Tropfen, der das Fass überlaufen lässt. Das Fass ist dann “gekippt” – nicht wegen dem einen, harmlosen Tropfen, sondern der Ansammlung all der vielen, kleinen Tropfen zuvor.

Das Gefährliche an gesellschaftlichen Krisen ist die Tatsache, dass sie lange unsichtbar eskalieren. Bis plötzlich Verhaltensweisen normal werden, die zuvor undenkbar waren. Und das ist, wo wir heute angekommen sind. Die Grenzen des sagbaren wurden gesprengt, Tabubrüche und Normverschiebungen werden relativiert und Regelbrüche sind an der Tagesordnung. Es läuft eine sichtbare Verschiebung des öffentlichen Diskurses, die hauptsächlich über die sozialen Medien passiert. Aber auch durch politische Gegebenheiten befeuert wird.

Noch vor 10 Jahren waren kollektive Zuschreibungen, wie – “diese Ausländer“, klar als rassistisch eingeordnet. Forderungen nach pauschaler Ausweisung waren eindeutig extremistisch. Das war gar keine Frage, sondern für die große Mehrheit gelebte Normalität. Heute sind Begriffe wie „Asyltourismus“ „Remigration“ oder „kulturell nicht kompatibel“, in öffentlichen Talk Shows zu hören. Offene Forderungen nach „Rückführung im großen Stil“ oder Diskussionen, ob Staatsbürgern mit Migrationshintergrund Rechte aberkannt werden können, ist täglich irgendwo zu lesen.

Metaphern wie „Asyl Flut“, „Flüchtlingswelle“ oder „Invasion“ galten als klare Entmenschlichung. Diese wurden fast ausschließlich von Neonazi-Gruppen genutzt.  Heute erscheinen diese Begriffe in Talkshows, Boulevardmedien und Wahlkampfreden. Menschen werden nicht mehr als Individuen beschrieben, sondern als kollektive Bedrohung dargestellt. Dauerbrenner-Aufreger ist auch die permanente Behauptung, Asylsuchende würden einem den Job wegnehmen.

Nein, tun sie nicht. Und falls tatsächlich ein Asylsuchender den Job bekommen hat, den ich möchte, dann sagt das eigentlich mehr über mich aus als den Asylsuchenden. 

Diese Verschiebungen des Sagbaren sind Tabubrüche, die nicht passiert sind, weil plötzlich von heute auf Morgen alle extremistischer geworden sind. Grenzen des Sagbaren verschieben sich, weil diese Aussagen folgenlos geblieben sind. Die Empörung darüber verpuffte schnell, weil die nächste Empörungswelle schon um die Ecke kam. Und nun haben sich große Teile der Bevölkerung an diesen Tonfall gewöhnt.

Yeah, it’s not a big deal. Right?

Doch ist es, da bleibt es nämlich nicht stehen. Die Verschiebung des Sagbaren geht nahtlos über in eine Delegitimierung von Demokratie und Rechtsstaat. 

Früher waren pauschale Angriffe auf Gerichte oder Medien, klar als antidemokratisch eingeordnet. Eine Kritik musste konkret begründet sein. Das ist Schnee von gestern! Heute werfen wir mit Schlagworten herum, die irgendwie von konkreter Bedeutung befreit sind. Schlagwörter sind nun die Bedeutung. Begriffe wie „System- oder Mainstreammedien“, „politische Justiz“, „Altparteienkartell“ sind normal geworden. Und die Idee, dass Wahlen grundsätzlich manipuliert wären, ist nun das neue Mainstream. Ermittlungsbehörden werden als politisch motiviert dargestellt. Medien pauschal als Kampagnenakteure diffamiert und Journalisten werden als „Volksverräter“ oder „Volksfeinde“ bezeichnet.

Was früher sofort als autoritäre Rhetorik erkannt worden wäre, ist heute das tägliche Brot auf Social Media und plötzlich legitimer Teil politischer Auseinandersetzung. Früher gab es eine eindeutige Abgrenzung, was zum demokratischem Spektrum gehört und was Extremismus ist. Heute existiert da nur mehr ein diffuser Nebel, wo einst eine klare Grenze war.

Demokratische Verfahren gelten plötzlich nicht mehr als Schutz, sondern als Hindernis. Wir sehen das bei Aussagen wie: “Wir brauchen endlich jemanden, der aufräumt“. „Zu viel Demokratie blockiert Lösungen“. „Man sollte Gerichte/NGOs/Medien einschränken“. Ein großer Teil der Bevölkerung liebäugelt tatsächlich wieder mit autokratischen Parolen.

Im amerikanischen gibt es den Spruch: “When the shit hits the fan”. Was mit “wenn die Kacke am dampfen ist” übersetzt wird. Mir scheint da eine wörtliche Übersetzung zutreffender zu sein. “Wenn Scheiße auf den Ventilator trifft”. Das ist nämlich, was gerade passiert. Aller mögliche Dreck wird in den Ventilator (sprich Internet) geworfen und wir alle werden dreckig. Social Media verteilt den Dreck und multipliziert ihn.  

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Um zu erkennen, wo wir als Gesellschaft gerade stehen, braucht man sich nur in den Kommentarspalten auf Social Media umsehen. Ganz egal zu welchem Thema, selbst ein harmloser Post über ein Gulaschrezept, kann eine Reibung erzeugen, die in einen Kommentarkrieg mündet.

Irgendjemand weiß es besser, wie man Gulasch macht. Irgendjemand stößt sich am Aussehen der Person, die das Rezept geteilt hat. Irgendjemand findet heraus, dass die Person ein Ausländer ist und von daher einfach keine Ahnung haben kann, wie Gulasch gemacht wird. Irgendjemand wird feststellen, dass der Ausländer bestimmt ein Wähler der Grünen ist. Irgendjemand wird bemerken, dass Grüne grundsätzlich von nichts eine Ahnung haben, geschweige den Gulaschrezepte. Irgendjemand wird sagen, geh doch wieder in deine Heimat zurück, um dein Rezept loszuwerden. Und irgendwann findet sich immer jemand, der mit blauen Herzchen kommentiert und dem hashtag ‚#remigrationjetzt

Willkommen im Jahr 2026, wo der Irrsinn zur Normalität geworden ist. 

Wenn selbst harmlose Alltagsinhalte zuverlässig in Feindbilder und Ausschlussfantasien kippen, ist nicht mehr der Inhalt das Problem – sondern das Klima. Wir haben immer weniger gute Diskussionen und haben diese gegen Empörungskreisläufe eingetauscht. Wohin das alles im schlimmsten Fall führen kann, können wir uns grade live und in Farbe in Amerika ansehen.

Was in Deutschland und Österreich noch ausgefochten wird, wo wir Kippunkte erst berühren, ist in den USA bereits erreicht worden. Die Vereinigten Staaten haben einen Punkt erreicht, an dem demokratische Institutionen formal noch existieren, ihre kontrollierende Funktion jedoch zunehmend durch Loyalität, Politisierung und Normbrüche ausgehöhlt wird. Die amerikanische Verfassung ist noch nicht gekippt, aber ihre Wirksamkeit.

Vor der Trump Regierung galt die richterliche Unabhängigkeit als überparteiliche Norm. Es gab hohe Hürden für politische Einflussnahme. Das System Trump verschob diese Norm, welche Stabilitätssichernd wirkte, indem Richterstellen nach ideologischer Loyalität, nicht juristischer Kompetenz besetzt wurden. Als Folge gibt es seitdem richterliche Urteile mit massiver gesellschaftlicher Tragweite (Wahlrecht, Abtreibung, Regulierung) entlang klarer politischer Linien. Die politische Balance des Supreme Court wurde in kurzer Zeit grundlegend verschoben, indem Trump drei Richter ernannte (Gorsuch, Kavanaugh, Barrett), die zu einer konservativen Mehrheit führten und bei kontroversen Urteilen eine wichtige Rolle spielen.

Die Justiz ist damit zwar nicht abgeschafft – aber sie wird politisch instrumentalisiert. Jede Rechtsprechung die sich gegen Trump richtet, wird ignoriert, verschleppt und/oder gerichtlich bis ganz oben angefochten.

Auch der Executive Arm der Regierung wurde umgebaut. Sicherheitsbehörden, Ministerien, Militärführung werden seitdem nicht mehr als neutrale Organe gesehen, sondern als Instrumente betrachtet, die persönliche Loyalität schulden. Kritische Beamte wurden eingeschüchtert oder einfach entlassen. An ihrer Stelle wurden Systemloyale, aber unqualifizierter Personen eingestellt mit der offenen Erwartung persönlicher Gefolgschaft. Der Staat wird nicht mehr verwaltet, sondern er wurde besetzt.

Wir können auch eine Selbstentmachtung der Legislative beobachten. Parteidisziplin schlägt institutionelle Verantwortung. Die Kontrollfunktion des Parlaments (Untersuchungen, Amtsenthebungen) wird durch Blockaden ausgehebelt und Verfassungsbrüche bleiben folgenlos.

Öffentliche Medien werden nicht mehr nach Faktentreue bewertet, sondern nach politischer Zugehörigkeit. Im System Trump haben Fakten ihre verbindende Kraft verloren und Lügen sind kein Skandal mehr, sondern eine Strategie, um das eigene Narrativ zu halten.

All das sind Dinge, die nach dem Kipppunkt passieren!

Was in den USA bereits Realität ist, erscheint in Europa noch als Warnung. Doch genau so beginnen Kipppunkte: nicht mit dem Bruch, sondern mit der Gewöhnung.

Demokratien leben nicht nur von Gesetzen, sondern auch von ungeschriebenen Regeln:

Demokratien leben von der Zurückhaltung im Umgang mit der Macht. Nur weil man es tun kann, bedeutet nicht, dass man es auch tun sollte. Wir erkennen die Erosion von Zurückhaltung, wenn Grauzonen systematisch ausgereizt und Machtmittel maximal eingesetzt werden. Es hat einen guten Grund, warum demokratische Macht begrenzt ist. Weil man weiß, dass Macht missbrauchsanfällig ist.

Respekt vor den Institutionen und Anerkennung von Wahlniederlagen – auch wenn es weh tut. Die Opposition ist kein Feind, sondern Teil des Systems. Heute Opposition, morgen Regierung – das hält das demokratische System stabil. Die Erosion ist erkennbar, wenn der politische Gegner als „Volksfeind“ gilt und Kritik als Sabotage interpretiert wird oder Ausschlussfantasien normal werden.

Und vielleicht noch wichtiger, sind die ungeschriebenen Regeln, für die wir als einzelne Bürger Sorge tragen müssen.

Demokratie funktioniert nur, wenn der Einzelne bereit ist für sie einzutreten. Demokratie beginnt auch nicht an der Wahlurne, sondern in der Art, wie wir miteinander sprechen, widersprechen oder schweigen. Sprache setzt Grenzen – oder reißt diese Grenzen ein. Aufmerksamkeit ist Macht. Nicht jede Aussage verdient sie. Wir wären vermutlich gut beraten, manchmal einfach Kommentarspalten zu schließen. Innehalten und Eskalationen bewusst abzubrechen. Empörungskreisläufe brechen in sich zusammen, wenn wir sie nicht füttern und ihnen die Aufmerksamkeit entziehen.

30 Jahre Verschwörungsphantasien im Internet haben dafür gesorgt, dass viele Menschen der Demokratie innerlich gekündigt haben.

In anderen Ländern hat man längst erkannt, dass das nicht einfach so weitergehen kann. In Australien etwa, hat man letzten Monat ein Social-Media Verbot für Jugendliche unter 16 installiert. Ob das der richtige Weg ist, wird man diskutieren müssen. Aber dass wir über Schutzräume, digitale Architektur und Verantwortlichkeit reden müssen, ist keine Geschmacksfrage mehr – es ist Systempflege. Außer, wir möchten dass eine weitere Generation hilflos dem ganzen Unsinn ausgesetzt wird.

Kipppunkte kommen nicht mit Sirenen. Sie schleichen sich ein, als Gewöhnung, als Schulterzucken, als „ist halt so“. Gesellschaften kippen nicht, weil Menschen plötzlich böse werden, sondern weil zu viele zu lange müde werden. Das gesellschaftliche Klima erwärmt sich nicht durch einen großen Skandal, sondern durch tausend kleine Nachlässigkeiten: durch Sprache, die entmenschlicht, durch Empörung, die belohnt wird, und durch Wahrheit, die zur Geschmackssache verkommt.

Wenn wir dieses Klima abkühlen wollen, beginnt das nicht beim nächsten Wahltermin, sondern im Alltag. In dem Moment, in dem wir entscheiden, was wir teilen, worauf wir reagieren und wo wir bewusst nicht mitmachen. Aufmerksamkeit ist Macht – und Nicht-Aufmerksamkeit ebenfalls. Demokratie lebt davon, dass Menschen sich selbst begrenzen, bevor Systeme es erzwingen müssen.

Vielleicht ist das die eigentliche Lehre aus den Kipppunkten:
Nicht alles, was sagbar ist, muss gesagt werden.
Nicht alles, was empört, verdient Reichweite.
Und nicht jede Eskalation ist alternativlos.

Gesellschaften lassen sich nicht reparieren wie Maschinen. Aber sie lassen sich pflegen. Und Pflege beginnt dort, wo wir das Klima wieder als gemeinsame Verantwortung begreifen.

Until next time same station

ChatGPT Image 19. Jan. 2026, 12_50_28

@ Steven Black

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