Woran glaubst du?

geschrieben von Steven Black:

Die Entstehung von Glaubenssätzen sind ein vielschichtiger Prozess, der bereits in unserer Kindheit beginnt. Glaubenssätze können einfach übernommen, durch diverse Erfahrungen entwickelt und von uns selbst geprägt werden. An der Wurzel jeder tieferen Überzeugung steht ein Bündel von Bewertungen, die wir hierzu entwickelt und abgegeben haben. Glaubenssätze sind an sich nicht Schlechtes, sie dienen uns als Ankerpunkte und als Orientierung im Leben.

Glaubenssätze haben den Vorteil (und den Nachteil), dass sie ins sogenannte Unterbewusstsein abgespeichert werden und damit Teil des “automatisierten Denkens” werden. Glaubenssätze werden zu einem Programm, welches fortgesetzt wirkt, ohne dass wir bewusst über die Dinge nachdenken müssten. Glaubenssätze sind im Grunde nichts anderes, als eine von uns selbst vorgenommene Bewertung, Beschreibung und Verallgemeinerung von Dingen, Umständen, Menschen, der eigenen Identität und vielem mehr. Was uns aber dabei hilft, unserer Erfahrung eine gewisse Struktur und Ordnung zu geben. Selbst die frühkindlichen, konditionierten Übernahmen von Glaubenssätzen, die wir von Eltern und Umwelt inhalierten, dienen dem Zweck, uns eine Struktur und Richtung zu geben. 

It’s a framing .. 

Mit Glaubenssätzen rahmen wir unsere Realität in ein bestimmtes Raster ein, indem wir aus einer Anzahl von Perspektiven, eine für uns stimmige bevorzugen. Aber wir formen mit Glaubenssätzen auch unsere menschliche Identität.

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Bis etwa zu unserem 7. Lebensjahr durchleben wir eine Phase der Prägung, wobei wir alle möglichen Bilder, Sätze, emotionale Eindrücke, Gerüche und Bedeutungen in uns hineinnehmen, die uns von den Eltern und anderen wichtigen Personen vermittelt wurden. Wir übernehmen die kulturellen, gesellschaftlichen und persönlichen Grundüberzeugungen unserer Eltern einfach und saugen das regelrecht auf. Als Kinder sind wir in einem Abhängigkeitsverhältnis und unsere Beziehung zu unseren Eltern sichert unser Überleben. Aber man sollte Kinder nicht unterschätzen. Bereits als Kinder bewerten wir, was man uns erzählt, was wir wahrnehmen und fühlen.

Aber die Bewertungsgrundlagen sind völlig andere, als wir das als Teenager oder als Erwachsene machen. Wenn wir Kinder sind, dann sind es primäre Bedürfnisse, die zählen. Bedürfnisse wir Sicherheit, Nähe, Fürsorge, Geborgenheit. Dem wird alles untergeordnet. Auch wenn wir als Kinder eine Art instinktiven Sinn dafür haben, was sich richtig oder falsch anfühlt – sind wir aus dem emotionalen Bedürfnis nach Sicherheit bereit, unsere eigene Wahrnehmung abzuwerten und wir bewerten das, was uns unsere Eltern beibringen und erzählen als wichtiger.

Diese Art von emotionaler Sicherheit ist alles, was zählt. Als Kinder sind wir unseren Eltern gegenüber 100 % loyal. Unsere Eltern könnten berüchtigte Kriminelle sein, als Kind ist dir das völlig schnurz.

We just agree to all terms.

Diese Überzeugungen, die uns als Kinder vermittelt wurden, haben natürlich Konsequenzen, für die sich daraus formende Persönlichkeit. Glaubenssätze über unsere menschliche Identität ergeben sich aus Bewertungen und Aussagen über das eigene Ich. Diese Glaubensüberzeugungen bilden sich aufgrund der Inhalte, die uns vermittelt wurden UND unseren eigenen Rückschlüssen und Bewertungen hierzu. Wenn wir sehr viel Kritik von unseren Eltern hörten, die vielleicht gar nicht so ernst gemeint, sondern oft aus einer schlechten Laune heraus so dahingesagt wurden – dann hat das dennoch Folgen für uns als menschliche Persönlichkeit.

Als Kinder beziehen wir grundsätzlich fast alles, immer auf uns selbst. Viele der bekannten, limitierenden Glaubenssätze, die viele Menschen miteinander teilen, stammen aus der Kindheit – wie etwa:

“Ich habe es nicht verdient”

“Ich habe kein Recht darauf glücklich zu sein”

“Ich bin nicht gut genug”

“Ich bin nicht liebenswert”

“Ich kann das nicht”

“Ich werde immer verlassen”

und vieles mehr ..   

Die Grundlage dieser Überzeugungen sind Aussagen, die wir über uns gehört haben, die dazugehörenden Erfahrungen und die Rückschlüsse und Bewertungen, die wir selbst dazu getroffen haben. Egal, welche Art von Überzeugungen wir haben – sie neigen dazu sich zu bestätigen. Wir finden immer eine Bestätigung dafür, was wir glauben.           

Glaubensüberzeugungen kommen natürlich nicht durch eine einzige Aussage, ein Erlebnis, eine Bewertung zustande. Es braucht mehrere, wiederholte und zumindest ähnliche Erfahrungen in dieser Richtung und wiederholte Bewertungen, um ein bestimmtes Set an Überzeugungen “live” zu schalten. Und das meiste davon läuft sehr, sehr unbewusst in uns ab.

Hast du beispielsweise gewusst, dass ein Kind bis zum 5. Lebensalter, ca. 40 000 Mal kritisiert wird?

Dr. med. Jochen Peichl, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, schreibt in seinem Buch “Rote Karte für den inneren Kritiker”:

“Psychologen wie der US Amerikaner Jerome Kagan schätzen, dass ein Kind mit 14 Monaten, etwa alle 9 Minuten, ein Verbot oder Kritik von den Eltern hören würde. An anderer Stelle habe ich gelesen, dass ein Kind bis zum 5. Lebensalter schon mehr als 40 000 mal getadelt wurde – ca. 666 mal im Monat und 22 mal am Tag.”

Im Laufe unserer Entwicklung erlebten wir alle, wie unsere Eltern durch Liebe, Lob, Kritik, Beschämung, Ablehnung, Schuldzuweisungen oder Strafe auf uns einwirkten und uns damit auch beurteilten. Als Kind internalisieren wir das, du nimmst das in dich hinein und bewertest dich selbst dann dahingehend. 

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Je nachdem, wie oft unsere Eltern uns sagten, wie klug wir sind, wie intelligent, wie gut aussehend UND wie oft sie uns kritisierten, uns als Tollpatsche bezeichneten, uns sagten, wie dumm wir wären oder unfähig, haben sich in uns einige Bündel an Glaubenssätzen geformt, die wir nun als “das bin ich” wahrnehmen. Da es wohl kaum jemanden gibt, wo die Eltern perfekt liebende, allzeit freundliche, immer einen guten Tag habende Menschen gewesen sind, haben wir natürlich auch alle einen bestimmten Mix an positiven, wie negativen Glaubenssätzen aufgenommen und entwickelt.  Da wir alles als wichtig bewertet haben, was man uns sagte, formt sich eine spezifische Persönlichkeit aus uns heraus, die all das einfach glaubt.

Zwischen etwa dem 7. und 14. Lebensjahr treten wir in eine Phase der Nachahmung ein. Wir ahmen nach, was wir gelernt und übernommen haben. We fake it, untill we make it ..

In dieser Phase fangen wir langsam an erste Vergleiche herzustellen, zwischen dem was wir gelernt haben und dem, was wir nun persönlich erfahren. Es sind unsere ersten Gehversuche, beim Modellieren unserer Realität und so entfaltet sich langsam “unsere Geschichte”, die wir leben und erleben. Wir ziehen neue und eigene Rückschlüsse daraus, was wir erleben und erobern so eine neue Ebene von Bewertungsgrundlagen. Das ist aber alles noch sehr überschaubar und noch nicht wirklich komplex, da wir anhand der übernommenen Bilder eine Art “natürliche Sicherheit” haben, wer wir sind.

In der nächsten Phase, etwa zwischen 14 und 20, verlassen wir mehr und mehr den sicheren Bereich unserer Eltern und erweitern unsere Perspektiven.

Wir treffen neue Menschen, lernen neue Dinge und sind dabei auf eigenen Beinen zu stehen. Wir gehen unsere ersten sexuellen Beziehungen ein, wobei die dabei gewonnenen Erfahrungen ebenfalls analysiert und bewertet werden. Unsere erlebte Realität wird komplexer und vielschichtiger – der Kontext wird größer. Wir beginnen zu erkennen, wie unterschiedlich Menschen sein können und dass andere völlig anders denken, wie wir selbst. Wir versuchen unseren eigenen Platz in der Welt zu finden und auf unserem Weg erschaffen wir weitere Überzeugungen über uns selbst und alles andere.

Irgendwann ist unsere Persönlichkeit so weit geformt, dass wir in die Welt hinausgehen können, um unsere eigenen Abenteuer zu erleben.  

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Welche Art von Persönlichkeitsstruktur sich bis dahin entwickelt hat, die musst du dann leben. Dabei werden wir in die eine oder andere Einbahnstraße fahren, uns die Köpfe anstoßen und viele interessante, aber auch schwierigere Erfahrungen machen. Unsere Bewertungsgrundlagen werden immer komplexer, weil wir immer wieder neue Ebenen von Verständnis, über die verschiedensten Dinge erreichen. Wer sein ganzes Leben lang nicht aufhört zu lernen, wird immer mehr Zusammenhänge begreifen und andere Ebenen aufschließen, die ihm bis dahin verschlossen waren. Das bedeutet, dass immer mehr Kontext sichtbar wird und uns zur Verfügung steht.

Erst sehr viel später im Leben, meistens, wenn wir die 30 oder 40 erreichen, beginnen wir zu begreifen, dass unsere Persönlichkeit gar keine so feste Größe ist und dass wir selbst eifrig dabei mitgewirkt haben, bei dem, wer wir glauben zu sein. Und wo wir erkennen können, dass wir viele Dinge – wie selbstverständlich – über uns selbst geglaubt haben, die nun plötzlich keinen Sinn mehr ergeben. Die wir als falsch begreifen, als erlernt und die uns Begrenzungen auferlegen, die wir nicht (mehr) möchten.

Jeder von uns hat ein bestimmtes Setting an hilfreichen, positiven Überzeugungen im Leben angehäuft und ebenso behindernde, negative Überzeugungen. Darin enthalten sind eine Unmenge an Bewertungen über die Welt, uns selbst, Situationen und Umständen, etc. – das ist tatsächlich ne sehr lange Liste. In uns allen läuft ein permanenter Prozess von Analyse, Schlussfolgerungen und Bewertungen, von nahezu jeder Wahrnehmung. Wir produzieren ganze “Kataloge” voller Schubladen mit Kontext, Bewertungen und Definitionen von Leben, Identität und diversen Erfahrungen.  

Über Glaubenssätze, die uns dienen und unser Leben bereichern (Vorteil), hat ja auch keiner was zum Meckern. Anders sieht es bei Glaubenssätzen aus, die wir als nicht hilfreich, als Belastung oder Bremse, in unserem Leben erkannt haben (Nachteil). Der Vorteil an Glaubenssätzen ist, dass wir nicht jedes Mal neu über die Dinge nachdenken müssen. Wir haben sofort etwas bei der Hand, womit wir arbeiten können. Der Nachteil daran ist, wenn die einstigen Bewertungen nicht mehr zutreffend sind, wir aber weiterhin den alten Bockmist von uns geben und an Dinge glauben, die veraltet sind und uns nicht mehr dienen.                

Das ist ja nur ein Glaubenssatz ..

Vielleicht ist euch das schon mal passiert – beispielsweise in einer Diskussion, wo deine Sicht der Dinge mit dem Satz – “Das ist nur ein Glaubenssatz von dir”- bewertet wurde. Ich bin sicher, du kennst das. Ich hab das selber auch schon zu Leuten gesagt. Es ist ne Art Spirituelles Totschlag Argument, welches manchmal verwendet wird, um die andere Ansicht abzuwerten. Der Satz kann allerdings auch seine Berechtigung haben – kommt nur auf den Kontext an, wie man das sieht. Und vor allem, in welchem Tonfall oder Intention, man es zu jemandem sagt. Das kann abwertend gemeint sein, die Diskussion vertiefend oder einfach nur dahingesagter Bockmist sein. 

Der Punkt ist, für uns Menschen gibt es immer Glaubensüberzeugungen. Und daran ist nichts Falsches. Glaubensüberzeugungen sind ein essentieller Beitrag, bei der Bildung der eigenen Realität und unserer menschlichen Identität.

Dieser Prozess zur Bildung von Glaubenssätzen ist wichtig für die menschliche Erfahrung. Because: We don’t know!

Die menschliche Erfahrung ist buchstäblich ein Abenteuer, wo wir nicht Wissen können. You don’t know who you are. And most of the time you have no idea what the hell is going on.

Wir tappen oft im Dunkeln. Aus diesem Grund vergleichen wir, wir adaptieren, wir analysieren und bewerten nahezu alles, was wir wahrnehmen. Wir behelfen uns mit Theorien, Konzepten und Modellen, die manchmal mehr oder weniger praktikabel sind. Auf diesem Wege lernen wir.

Glaubenssätze bilden sich automatisch, ab einer bestimmten Menge, bzw. Ladung an Bewertungen, die wir über unsere Erlebnisse/Erfahrungen getroffen haben. Glaubenssätze sind eine Verdichtung von Bewertungsströmen, die sich mit der Zeit in uns ansammeln. Sie können relativ zutreffend sein, falsch, verdreht oder komplett irrational. Glaubenssätze werden zu unserem “blinden Denken” und sind quasi Automatisierungsprogramme. Das ist so lange hilfreich, wie wir noch nicht in der Lage sind uns selbst und was wir denken und wie wir bewerten, zu reflektieren. Sobald wir Selbstreflexion zu einem elementaren Bestandteil unserer Erfahrung gemacht haben, treten wir aus dem unbewussten Bewertungskreislauf aus und können lernen, bewusster und mit viel größerem Kontextbezug zu bewerten. Je mehr wir über uns selbst verstehen, desto breit gefächerter sind die Auswahlmöglichkeiten unsere Bewertungen und Urteile.

Denn die Basis von unseren Bewertungen hängen immer von dem Bezug ab, wer wir glauben zu sein, was wir denken verstanden zu haben und dem Grad an emotionalen Ladungen, die wir zu dem jeweiligen Thema abgespeichert haben.

Die Basis jeder Glaubensüberzeugung, jedes Glaubenssatzes, ist eine persönliche Erfahrung, dazugehörige Gefühle und die Bewertung, die wir dazu abgeben. Das bedeutet, jede Überzeugung ist subjektiver Natur und stimmt für denjenigen, der (wovon auch immer) davon überzeugt ist. Wir mögen teilweise alle ähnliche Erfahrungen machen, aber die jeweilige Bewertung, die wir persönlich dazu treffen, die kann sehr, sehr unterschiedlich ausfallen. Und das führt dann zu unterschiedlichen Überzeugungen und damit zu anderen Erfahrungen.

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Bewertung erzeugt Bedeutung

Indem ich etwas spezifisch bewerte, gebe ich dem eine persönliche Bedeutung und damit identifizieren wir uns dann. Nehmen wir beispielsweise an – da sind zwei Kinder, welche die gleiche schwierige Erfahrung durchmachen mussten. 

Kind Nummer eins wirkt 2 Monate nach dem Erlebnis wenig beeindruckt. Kind Nummer zwei wirkt hingegen wie ein Schatten seiner selbst. Was unterscheidet jetzt diese beiden Kinder voneinander?

Kind Nr. 1 hatte jemanden, der es durch diese Erfahrung begleitet hat und ihm half, die Zusammenhänge besser zu verstehen. Kind Nr. 2 hatte niemanden, es wurde mit seiner Erfahrung alleine gelassen und fühlt sich traumatisiert.

Kind 1 konnte dadurch die Erfahrung auf eine Weise verdauen, die es ihm ermöglichte, relativ unbeschadet sein Leben weiter zu leben. Kind 2 ist in einem Nebel gefangen, gibt sich selbst die Schuld für das Vorgefallene und fühlt sich von “Gott und der Welt” verlassen. Ihm wird nichts anderes übrig bleiben, als diese Erfahrung so gut wie möglich abzuspalten, tief in sich zu vergraben, um emotional überleben zu können. Es hat keine andere Möglichkeit, das Erlebnis zu verarbeiten. Und das wird natürlich eine ganze Menge Verunsicherung und auch Angst in sein Bewusstsein spülen, die es lange Zeit begleiten wird.

Die Bewertungen die Kind Nr. 1 zu dem Erlebnis trifft, wird konsequenterweise eine völlig andere sein, wie bei Kind 2. Ob wir Bewertungen aus der Perspektive von Unsicherheit und nicht-verstehen abgeben, oder von der Ebene von Verstehen und innerer Sicherheit, macht natürlich ziemlich einen Unterschied.

Wie schon gesagt – eine Bewertung alleine, ein Erlebnis alleine, macht noch keinen Glaubenssatz. Glaubenssätze sind eher eine Summierung von mehreren, meist ähnlichen Bewertungen und Erfahrungen, deren Inhalte eine größere Ladung an Bedeutung in uns erzeugt und sich verdichtet. Damit unsere Bewertungen ein richtiges Gewicht bekommen, müssen sie durchs Leben bestätigt werden. Und es ist wirklich nicht schwer, irgendetwas zu finden, womit wir unsere Bewertungen bestätigt sehen – ganz egal, wie weit hergeholt. Dann werden wir mit der Zeit eine fette, dicke Überzeugungsstruktur entwickeln, an die wir fest glauben. Wir glauben dann zu wissen – und es wird Teil unserer Erwartungshaltung. Wir erwarten dann einfach, dass die Dinge so sind – und das Resultat ist oft, dass sie immer wieder so oder ähnlich passieren. 

Innere Persönlichkeitsanteile und Glaubensstrukturen

Bei der Arbeit mit den Inneren Persönlichkeitsanteilen findet man immer ein bestimmtes Set an Überzeugungen, welche die Problematik an Ort und Stelle hält. Beispielsweise, wenn da ein Inneres Kind Thema ist: Bei Aufstellungen kann man vielleicht sehen, wie es eingerollt in der Ecke liegt, sich total ungeliebt und einsam fühlt – aber auch bockig und logischen Argumenten gegenüber nicht zugänglich ist. Und es fühlt sich als Opfer.

Solange nicht verstanden wird, dass dieses Innere Kind nichts Fremdes, Außenstehendes ist, sondern Du selbst, als eine Repräsentation einer früheren Erfahrung, in der du immer noch feststeckst und die bisher noch nicht gelöst, integriert und verdaut wurde – ist das schwierig.

Da kannst du reden, wie du willst. Das Innere Kind beharrt darauf, dass es ungeliebt, einsam und alleine ist. Es ist so fixiert auf seine Überzeugung, dass logische Argumente oder Ansichten ins Leere laufen. Ganz egal, wie sehr du die mentale Dynamik dazu verstehst, dein Inneres Kind wird dir dieses Feeling immer wieder zur Kenntnis bringen. Und du wirst dich dann genau so Fühlen und damit identifizieren.

Wie also geht man damit um?            

Auflösen von Glaubenssätzen

Es gibt ja eine ganze Reihe an Ratgebern, die uns bei der Änderung von limitierenden Glaubenssätzen helfen wollen. Angefangen von EFT, NLP und ähnlichen Techniken, denen Grenzen gesetzt sind, aufgrund ihrer rein mentalen Natur. Das Wort Emotionen kommt dabei zwar sehr oft vor, aber letztendlich sind es rein mentale Techniken. Nichtsdestotrotz hat NLP viel Hintergrundwissen über Glaubensüberzeugungen anzubieten. Und ich bezweifle gar nicht, dass das in einigen Fällen, bzw., bei einigen Glaubenssätzen hilfreich ist. Ich hatte auch einige positive Erfahrungen mit EFT gemacht. Aber wenn es wirklich ans Eingemachte geht, wenn du an eine der Wurzeln deiner limitierenden Glaubenssätze kommst, dann kannst du das – meiner Ansicht nach – vergessen.

Um Glaubensüberzeugungen wirklich verstehen zu können, müssen wir die emotionale Struktur dahinter erkennen. Alle Arten von Bewertungen, die wir zu einem x-beliebigen Ereignis treffen, beruhen primär auf emotionalen Prozessen. Fühlt sich gut an, fühlt sich nicht gut an, fühlt sich negativ oder positiv an. Diese Erfahrung möchte ich wiederholen oder nicht wieder-holen. Nee du, das kann weg, usw. 

Auch unser gesamtes ethisches und moralisches Wertesystem beruht auf emotionalen Prozessen. Und viele dieser emotionalen Prozesse laufen so schnell und unterschwellig in uns ab, so fließend, dass viele Menschen tatsächlich diese Eindrücke für Denkprozesse halten.

Der mentale Prozess, der die Entwicklung von Glaubenssätzen begleitet, beruht auf der Einordnung und Interpretation der emotionalen Wahrnehmungen. Aber die Wurzel von Bewertungen und Beurteilungen ist emotionaler Natur – wie wir uns mit den Dingen fühlen (aus welchen Gründen auch immer). Wie wir uns mit etwas Fühlen, führt zur Interpretation unserer Bewertungen.

Es ist der emotionale Inhalt, der an unseren Glaubenssätze gebunden ist, der es so schwierig macht, limitierende Überzeugungen zu verändern. Das bedeutet, dass wir in erster Linie daran arbeiten müssen, die emotionale Ladung abzubauen.

Um bei dem obigen Beispiel mit dem Inneren Kind zu bleiben:

Was auch immer die Erfahrung dieses Inneren Kindes war, was zu seinem Thema geführt hat – es ist ein Erlebnis, welches wir als Kind hatten. Warum auch immer es glaubt, dass da nie jemand sein wird, der es liebt, dass es immer alleine und einsam sein wird – es hat recht. Es ist in einer Überzeugungsstruktur gefangen, die du als dieses Kind so bewertet hast. Es wurde Teil der Identitätsstruktur. Und da steckt es und damit DU fest. Unsere Gefühle und Gedanken orientieren sich an unseren Bewertungen und Überzeugungen, sie “spiegeln” uns immer, wer wir glauben zu sein. 

Aus meiner persönlichen Erfahrung mit Fühlarbeit habe ich gelernt, dass es notwendig ist, die Bereitschaft zu entwickeln, in sich selbst tief hineinzutauchen, um eine Rückverbindung mit diesem feststeckenden Teil in mir zu aktivieren. Klingt für einige Ohren erst mal abstrakt, ist aber möglich. Das ist allerdings keine leichte Herausforderung, den sie impliziert, dass wir uns mit der jeweiligen Erfahrung und den damit zusammenhängenden Gefühlen auseinandersetzen. Das bedeutet, man geht in Kontakt mit den Gefühlen, die mit der einstigen Kindheitssituation verbunden sind. Man durchlebt quasi erneut die Erfahrung, die man als Kind gemacht hat. Das dauert, bis man bewusst an diese Gefühle kommt und auch, bis man wirklich die innere Bereitschaft entwickelt hat, diesen Gefühlen zu erlauben, ganz hervorzukommen. Dieses zulassen und durchfühlen ermöglicht die Entladung der gebundenen Energien.

Mit dem Begriff “Innere Personen” wird ein komplexes Sammelsurium an emotionalen Inhalten, Beurteilungen, Gedankenkreisläufen und Identitätsstrukturen personalisiert und in eine Form gebracht, wodurch man in die Lage versetzt wird, konstruktiv und nach und nach – je mehr man versteht, an seinen eigenen Themen zu arbeiten.

In diesem Prozess wird man auf einige Teile treffen, die glauben, dass sollte nicht so sein und damit im Konflikt stehen, mit dem Inneren Kind. Man trifft also verschiedene Bewertungsströme von verschiedenen Teilen in sich selbst an. Indem man bereit ist, alles an Emotionen zu fühlen und sie nicht weghaben zu wollen, sondern sie als Tatsachen akzeptiert (okay, das ist so gewesen) und sie während dem Prozess NICHT bewertet, verändert sich nach und nach die Ladung zu dem Thema.

Man befreit sein Inneres Kind von seinem Drama – durch die Akzeptanz, durch Mitgefühl und dem bereitwilligen durchfühlen.

Das bedeutet letztlich nichts anderes – wenn du diese Ebene erreicht hast – als dass du diesem Inneren Kind in dir, welches nach wie vor Teil deines Bewusstseins ist (und bleiben wird), ein Gefühl von Sicherheit gibst und für dich selbst neue Verständnisebenen erschließt. Indem wir die Gefühle annehmen – egal, wie schmerzhaft, nehmen wir auch unsere Inneres Kind an und letztendlich uns selbst. Indem wir lernen, Mitgefühl mit diesem eingefrorenen Kind in uns zu entwickeln, entwickeln wir Mitgefühl für uns selbst.

Und damit kannst du neue Schritte in deinem Leben unternehmen, die vorher nicht möglich gewesen sind.

Als dieses Kind war es dir meist nicht möglich, die Erfahrung zu verdauen und zu verarbeiten, aber als Erwachsene können wir das. Je heftiger die Erfahrung, desto mehr würde ich professionelle Hilfe von außen empfehlen. Nicht jeder ist ein guter Autodidakt und auch ich hatte professionelle Unterstützung. Wir selbst sind bei manchen unserer Themen “Betriebsblind”. Speziell bei den tief sitzenden Inhalten.       

Schwierige emotionale Inhalte und beteiligte Überzeugungen sind wie ein Zwei Komponenten Kleber – das klebt richtig fest zusammen. Und da ist nie nur eine einzelne Überzeugung vorhanden, sondern ein ganzes Bündel, inklusive ein Abwehr – und Verteidigungsnetzwerk, um die Überzeugung bis aufs Messer zu verteidigen, inklusive vor dir selbst. Wenn du da alleine rumstocherst, wirst du dich bald “verlaufen” und in die Irre gehen.

Es gibt Überzeugungen, die relativ einfach zu ändern sind, alleine durch die Erkenntnis, dass sie nicht mehr stimmen. Aber sobald wir es mit emotionalen Verletzungen und inneren Konflikten, in Verbindung mit verdrehten Glaubensüberzeugungen zu tun haben, ist da etwas mehr zu tun als ein bisschen Klopfen (EFT) oder die Überzeugungen zu “re-framen” (NLP).

Ich kann das nicht

Es ist nicht einfach, beispielsweise aus der Überzeugung -“Ich kann das nicht”, ein “Ich kann das” zu machen – aber möglich. Manches kann man vielleicht trotzdem (noch) nicht, aber die Grenzen erweitern sich ständig, wenn man seine innere Arbeit macht. 

Ich persönlich habe eine lange Liste an Dingen gehabt, wo ich nicht glaubte, dass ich es könnte. “Ich kann das nicht” war ein elementarer Glaubenssatz, der mich “gefangen” hielt. Wie sich dann herausstellte, ging es doch. Das betraf mein Schreiben, meine Unfähigkeit mich von den Drogen zu lösen, ein “normales Leben” zu führen, im Reinen und in Frieden mit mir selbst zu sein, Prüfungen zu bestehen, usw. Das alles ist natürlich nicht von heute auf Morgen passiert, sondern hat Jahre an Entwicklung benötigt.  

Wirkliche Veränderung muss man leben.

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Das bedeutet, nur durch Aufarbeitung alleine verändert sich nicht die Realität. Die Aufarbeitung der persönlichen Verletzungen ist aber ein essentieller Teil davon. Erst das erlaubt mir, neue, konstruktivere Bewertungen (über mich selbst und andere Dinge) anzulegen und damit neue Überzeugungen anzunehmen.

Um diese real werden zu lassen, muss man seine Komfortzone verlassen, Entscheidungen treffen und neue Schritte ins Leben unternehmen.

Da brauchst du einen langen Atem und währenddessen wirst du immer wieder mit den alten Überzeugungen zu kämpfen haben. Sobald du aber eine Erfahrung dazu gemacht hast, die deine neue Sichtweise bestätigt, beginnt sie sich zu verdichten. Wenn du realisierst, “ach so, es geht ja doch”, wird es real und der alte Glaube beginnt zu sterben. Die alte Überzeugung wird damit energetisch nicht mehr unterstützt. Sie wird quasi überschrieben, durch neue Bewertungen, die sich bestätigt haben und damit mehr Gewicht bekommen. Aber wie gesagt, das ist eine Entwicklung.

Believe it or not

Die gute Nachricht dabei ist – wir selbst sind der Anfang und das Ende. Wir selbst definieren unsere menschliche Erfahrung, durch unsere eigenen Bewertungsströme, die wir im Laufe unseres Lebens abgeben und wobei wir ständig Aussagen über uns selbst treffen. Und das bedeutet, sie sind veränderbar. Wir müssen nur aufhören uns selbst zu verarschen. Jeder von uns, tief in sich drinnen, weiß genau was er von sich selbst hält und glaubt. Das beinhaltet in der Regel eine Menge an selbstverletzenden Inhalten. Und das ist in dieser Gesellschaft mehr oder weniger die Norm. Das ist menschlich.

Wenn wir uns von Aussagen anderer verletzt fühlen, dann kommt dieses Gefühl nicht von den Aussagen der anderen, sondern weil ein Teil in uns das glaubt. Das ist es, was wirklich weh tut. Die Aussagen triggern und aktivieren den Inhalt, den wir selbst bereits unzählige Mal so oder ähnlich bewertet haben (warum auch immer) und auch vor uns selbst verstecken. Wird das berührt, dann schmerzt das. Hätten wir kein Thema damit, würde es nicht weh tun.  Wir Ärgern uns vielleicht, aber es würde nicht so weh tun.

Die einzige Frage hierbei ist – wenn wir das verstanden haben, ob wir weitermachen in unserem Automatikmodus oder den Arsch zusammenkneifen und unsere Themen angehen.

Das Ding ist, je bewusster wir uns mit uns selbst auseinandersetzen und je mehr wir über uns selbst verstehen, desto mehr Verantwortung erhalten wir. Die Verantwortung darüber, wie wir mit uns selbst umgehen und uns selbst bewerten. Ob wir mit Mitgefühl auf unsere Mängel und Schwächen blicken können, oder ob wir uns weiterhin selbst verurteilen.

DISCLAIMER:

Nichts was du hier liest, ist DIE Wahrheit. Es ist meine Wahrheit, meine Wahrnehmung, und wie ich die Dinge sehe – jetzt, in diesem Moment.

Until next time same station

Vorhergehende Beiträge zum Thema:

Teil 1: https://stevenblack.blog/2019/01/15/der-ursprung-von-emotionen/

Teil 2: https://stevenblack.blog/2019/02/07/beurteilungen-dramatisierung-eskalation/

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© Steven Black

Alle selbstgeschriebenen Artikel auf meiner Website dürfen bei Nennung des Autors und Linksetzung der Website, gerne rebloggt und weiterverteilt werden. Ausgenommen davon sind Gewerbliche Interessen, wie etwa einen dieser Artikel in diversen Medienpublikationen zu veröffentlichen. Dies bedarf der Genehmigung des Autors.

7 Kommentare

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