Beurteilungen, Dramatisierung, Eskalation ..

geschrieben von Steven Black:

Fortsetzung des “Ursprung der Emotionen” Artikels ..

Die Erkenntnis, dass Emotionen etwas selbst gemachtes sind, aufgrund der Inneren, adaptiven und anpassenden Bewegung, was wir mit einem Gefühl tun – wie wir damit umgehen und es bewerten, führt in letzter Konsequenz zu einer grundlegenden Wahrheit. Dahin, wie individuell, kreativ und schöpferisch wir alle unser Leben führen. Obwohl wir alle in etwa dieselbe Palette an Gefühlen und Emotionen teilen, ist es sehr individuell und unterschiedlich, wie wir diese bewerten. Und damit dem Leben, den Situationen und Umständen eine ganz persönliche Bedeutung zuschreiben. Was letztlich zu völlig unterschiedlichen Erfahrungen führt.

Some basics first

Wir alle Fühlen, weil wir einen Emotionalkörper haben. Der Emotionalkörper durchdringt den physischen und ätherischen Körper. Der Mentalkörper wiederum durchdringt den Emotionalkörper und den ätherischen Körper. Aufgrund ihrer gemeinsamen Wechselwirkung, beeinflussen diese drei Felder unsere menschliche Erfahrung enorm.

imageUnsere Emotionen und Gefühle entstehen nicht aus Nichts. Wir ärgern uns nicht grundlos, wir haben nicht grundlos Angst, wir empfinden Liebe nicht einfach so oder sind traurig, ohne einen Grund dafür zu haben. Wie zutreffend, korrekt oder sachlich bezogen unsere Gefühlsreaktionen sind, das ist eine andere Frage. Aber jedes Gefühl, jede Emotion ist ECHT und vollkommen zutreffend, weil es Reflexionen sind, wie wir uns mit diversen Situationen, Umständen oder Menschen fühlen. Und wie wir uns mit etwas fühlen, hat meistens mit vergangenen Erfahrungen zu tun und wie wir diese bewertet haben.

Was ist dann mit Babys oder Kleinkindern? Die können ja noch nicht bewerten, aber sind eindeutig in der Lage, einen emotionalen Wutanfall zu produzieren.

Niemand von uns ist ein unbeschriebenes Blatt, wenn wir inkarnieren. Wir sind natürlich nicht voll beschrieben – aber, wir alle kommen bereits mit einem spezifischen Set an Ausdrucksmustern, charakterlichen Eigenschaften und Überzeugungen, die (teilweise) mit vergangenen Erfahrungen zu tun haben. Dazu kommen mit der physischen Geburt, bestimmte Muster und Energien, die mit den emotionalen Erfahrungen unserer Eltern zu tun haben und die sich in unser System einprägen. Babys erleben ihr Dasein hauptsächlich über die emotionale Ebene, die anfangs vielleicht noch etwas roh ist, aber sie fühlen Ärger, Frust, Freude und drücken das auch aus. Als Baby kannst du vielleicht nicht artikulieren, warum du jetzt sauer, frustriert oder happy bist, aber Fühlen tust du das.

Erst mit dem Alter von 2-3 Jahren, differenziert sich nach und nach die mentalkörperliche Entwicklung heraus. Und damit fängt natürlich auch die Bewertungsschleife an – über uns selbst, unsere Gefühle, unsere Erfahrungen, etc. Aber wir alle teilen eben auch von Beginn unserer Geburt an, ein spezifisches Set an emotionalen Grundmustern, die von Bedeutung für die menschliche Erfahrung sind.

Der Emotionalkörper ist unsere primäre Beziehung mit der Welt und uns selbst. Mit dem Mentalkörper werden die emotionalen Inhalte in lineare, mentale Bedeutungen “übersetzt”, analysiert und beurteilt. Der Emotionalkörper wiederum reagiert auf den mentalen, gedanklichen Inhalt. Da ist eine permanente, ständige Wechselbeziehung am laufen.  image

Emotionen sind das Resultat von einem Sammelsurium an Bewertungen, die wir im Laufe unseres Lebens immer wieder, zu einer bestimmten Wahrnehmung oder Gefühlen getroffen haben. Das bedeutet: Es ist ein Bewertungsstrom, den wir seit unserer frühesten Kindheit, der Teenagerzeit hindurch bis in unser Erwachsenen Leben gefüttert und immer wieder nachgefüllt haben.

Bewertung erzeugt Bedeutung – indem ich etwas bewerte, gebe ich dem eine persönliche Bedeutung, ein Gewicht – in jeweils positiver oder negativer Hinsicht. Sich summierende Bewertungen erzeugen eine Glaubens – Überzeugungsstruktur, woran ein ziemliches Gewicht hängt. Mit diesem Gewicht identifizieren wir uns dann. 

Gefühlsreaktionen sind immer eine Spiegelung dessen, wie wir uns mit diversen Umständen und Situationen fühlen. Gefühlsreaktionen hängen ebenfalls mit dem jeweiligen Selbstbild zusammen, was wir über uns haben. Und jede Emotion und jedes Gefühl ist eine Reflexion der Energie an negativer oder positiver Beurteilung, die wir dazu definiert und reingesteckt haben. Wir selbst konditionieren die Art und Weise, wie wir fühlen und wir erleben natürlich auch äußere Konditionierung.

Konditionierung

Hast du beispielsweise gewusst, dass ein Kind bis zum 5. Lebensalter, ca. 40 000 Mal kritisiert wird? 

Dr. med. Jochen Peichl, Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, schreibt in seinem Buch “Rote Karte für den inneren Kritiker”:

“Psychologen wie der US Amerikaner Jerome Kagan schätzen, dass ein Kind mit 14 Monaten, etwa alle 9 Minuten, ein Verbot oder Kritik von den Eltern hören würde. An anderer Stelle habe ich gelesen, dass ein Kind bis zum 5. Lebensalter schon mehr als 40 000 mal getadelt wurde – ca. 666 mal im Monat und 22 mal am Tag.”

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Im Laufe unserer Entwicklung erlebten wir alle, wie unsere Eltern durch Liebe, Lob, Kritik, Beschämung, Ablehnung, Schuldzuweisungen oder Strafe auf uns einwirkten und uns damit auch beurteilten. Als Kind internalisierst du Kritik, du nimmst das in dich hinein – was dann zum sogenannten “inneren Kritiker” führt.

Dieser “innere Kritiker” bezieht seinen “Treibstoff” über emotionale Inhalte, wie etwa Schuldgefühle oder Scham – was nicht überraschend ist, weil elterliche Kritik und Beurteilung genau diese Emotionen hervorrief. Egal, wie sehr andere Menschen dich vielleicht kritisieren. Niemand kann dich so mies kritisieren, dir derart deinen eigenen Wert und deine Kraft rauben, wie du dir selbst.     

Wann immer du von Außen eine Kritik oder negative Bewertung hörst, ist das Nichts zum Vergleich des Amoklaufs eines “Inneren Kritikers”. Wer auch immer dich kritisierte, so mag es vielleicht 1-2 Minuten gedauert haben. Der “Innere Kritiker” hingegen, der kann dich für Stunden terrorisieren und in allen prächtigen Farben schildern, was für ein wertloser Versager du bist. Was im Kindesalter einst unschuldig als Internalisierung begann, setzt sich im Leben als Erwachsener fort.

Glaub mir, ich weiß genau wovon ich spreche.

Am schlimmsten habe ich diesen emotionalen Bewertungsmix beim Selbstmord meiner Freundin, in den späten 90 ern erlebt. Ich bin damals ja nicht weit weg von ihr gestanden, als sie sich dazu entschieden hatte aus dem 7. Stock zu springen. Das heißt, ich habe es hautnah mitbekommen, aber nicht schnell genug reagieren können, um es zu verhindern. Ich bin fast 10 Minuten komplett “weg gewesen”, hab nur fassungslos nach unten gesehen, eingehüllt in eine dunkle Wolke und betäubt von Verlust, Schmerz, Ohnmacht, Leugnung des Geschehens. Mein bewusstes Ich war ausgeschalten, lahmgelegt durch den erfahrenen Schmerz. In der Folge erlebte ich zwei Jahre eine schwere Depression, die durch diese emotionale Last erzeugt wurde.

Und so schlimm das Erlebnis auch gewesen ist, bin ich derjenige gewesen, der das Erlebnis wieder und wieder dramatisierte. Es ständig hervorholte, durchkaute und in seiner Bedeutung aufgeblasen hat. Ich gab mir die Schuld und machte mich dafür verantwortlich, dass ich es nicht verhindern konnte. Mein “inneres Kind” fühlte sich verlassen, einsam und traurig, mein “Innerer Kritiker” machte Überstunden und der erwachsene Teil in mir wurde zwischen diesen unterschiedlichen Wahrnehmungen aufgerieben. Es war keine Widerstandskraft in mir vorhanden, um die ständige Wiederholung und das durchkauen in meinem Kopf, die Kommentare meines Kritikers und das emotionale Chaos zu stoppen. Ich wusste nicht, wie. Und es fühlte sich von Mal zu Mal schlimmer an. Ich meine, das war damals schlimm – das wünsch ich niemandem zu erleben. Aber dem Terror des Kritikers und dem emotionalen Ausnahmezustand, dem habe ich innerlich zugestimmt und so bewertet, dass ich das wahrscheinlich verdienen würde. Kurz gesagt, ich identifizierte mich vollständig damit.

Dieser komplexe Mix an negativen Bewertungen hat mit der Zeit immer mehr an Ladung angehäuft – und dadurch wurde es schlimmer. Um das zu unterdrücken hab ich damals 20- 30 Schlaftabletten täglich genommen, wie Bonbons. Hat nicht wirklich geholfen. 

Und selbstverständlich war ich nicht Schuld. Die Wahrheit ist, es war nicht zu verhindern – versucht hatte ich es ja. Aber diese rationale Überlegung hatte zu wenig Gewicht oder Bedeutung in mir aktiviert. Aus diesem “schwarzen Loch” bin ich erst rausgekommen, als ich nach 2 jährigem Selbstmitleid und Trauer den Entschluss fasste – I have to stop!

Aus einem Impuls heraus suchte ich alle Fotos von ihr zusammen, verabschiedete mich bewusst von ihr und zerriss die Fotos. Dieser kleine Akt brach den Bann, unter dem ich begraben lag. Aber das war natürlich nur der Anfang eines sehr langen Weges.

Nicht verurteilen, nicht beurteilen, nicht bewerten

Ich denke, als eine Reaktion auf die Erkenntnis, wie schwerwiegend unsere eigenen Urteile und Beurteilungen ausfallen können, wurde in den alten esoterischen oder spirituellen Traditionen gesagt, man solle das urteilen aufgeben.

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Das ist eine nette Idee, die in etwa so sinnvoll ist, wie einem Junkie zu sagen, er soll doch bitte seine Finger von den Drogen lassen. Der Punkt ist – er kann es nicht. Genau so können wir auch nicht mit bewerten aufhören. Wir bewerten grundsätzlich ALLES – das Wetter ist schön oder nicht, die Beine der Nachbarin sind sexy oder nicht, ich mag Menschen oder nicht, ich fühle mich gesund oder nicht, ich bin klug oder nicht, ich glaube an ein Leben vor/nach dem Tod oder nicht – es ist ein ENDLOSER Strom an Gedanken und Beurteilungen, jedweder Situation oder diverser Zusammenhänge. Das meiste davon läuft völlig unbewusst in uns ab. Was man erst bemerkt, wenn man bewusst darauf zu achten beginnt, was einem so alles durch den Kopf geht.

Und wir machen das auch mit unseren Gefühlen, wie bewerten sie ständig.

Wir beurteilen sie als sozial verträglich oder unverträglich, heißen sie als willkommen bei freudiger Natur, betiteln sie als unangenehm, gerade nicht passend oder wollen sie weghaben, wenn sie uns den Arsch aufreißen. Wenn sie uns mit unbequemen Wahrheiten konfrontieren, dann sind sie einfach nur lästig. 

Wirklich – du kannst das nicht vermeiden. Bewertungen sind ein essentieller Akt in der menschlichen Erfahrung. Bewertungen sind die Grundlage für unsere persönlichen Entscheidungen und wie wir uns verhalten. Beispielsweise macht es durchaus Sinn, wenn ich nicht jede Frau die mir gefällt anspreche und frage, ob sie mit mir schlafen will. Es macht auch Sinn, dass ich nicht die Kassiererin im Supermarkt frage, ob sie mir vielleicht 100 Euro leihen würde. Oder dass ich nicht einfach das Auto klaue, was ich so toll finde. Diese sozialen Konditionierungen machen eindeutig Sinn und dass wir unsere diversen Feelings daraufhin abchecken und ihnen nicht einfach nachgeben. Okay, manchmal macht es auch Sinn, diese zu brechen – aber der Punkt ist, wir beurteilen, immer.

Die Frage ist nur, wie gesund oder ungesund, wie hilfreich oder nicht, sind unsere Bewertungen? Und das wiederum liegt an den verschiedenen inneren Stimmen – wer in mir beurteilt gerade? Mit welcher Stimme identifiziere ich mich?

All diese unterschiedlichen Stimmen in uns, speziell die etwas problematischeren, sind nicht alleine nur Gedankenströme. Das sind auch Identitätsanteile, die man “Innere Personen” oder Innere Anteile” nennt. Das ist genau der Grund, warum man sich in bestimmten Situationen so beschämt wie ein 5 jähriger fühlt. Dieser 5 jährige ist Teil deiner Gesamtidentität. Und diese Teile/Stimmen geben ebenfalls ihre Beurteilungen, zu allem möglichen ab. Wie ich in vielen meiner Artikel versucht habe deutlich zu machen, gibt es mehrere unterschiedliche Stimmen in uns, die mitmischen. Herauszufinden, wer oder was in mir beurteilt, wer oder was sich emotional überfordert fühlt und warum, ist eine Herausforderung.

Sobald es zu “Inneren Personen” kommt, kriegt man von Leuten oft zu hören, dies wäre Blödsinn und würde Spaltung hervorrufen. Ich meine, ich verstehe, wenn diese Idee einem Angst macht. Letztlich sagt dir da jemand, dass Dinge in dir ablaufen, wovon du keinen Schimmer hast und die du dir selbst nicht wirklich vorstellen kannst. Zumindest nicht, ohne dich mit dem Konzept eingehend zu beschäftigen. Der Punkt ist folgender – mit dem Begriff “Innere Personen oder Anteile”, wird auf die Tatsache hingewiesen, dass bereits eine Spaltung vorliegt. Das Ganze ist nicht mehr ganz. Wir halten diese Inneren Anteile, die wir als schwierig empfinden, so gut es uns möglich ist, aus unserer Wahrnehmung raus. Kaum jemand wird offen zugeben, dass er sich selbst kritisiert oder nieder macht. Wir drücken das weg, spalten es ab und hoffen, dass es weg bleibt. Oder wir projizieren es auf Politiker, Illuminati, Mindkontroll oder sonst was, um uns zu erklären, warum wir derartige Gedanken hegen.

Innere Anteile zu unterdrücken macht sie nur stärker und erzeugt einen Nonstop Konflikt, zwischen dem was ist und unserer Meinung nach nicht sein sollte. Der Konflikt erzeugt natürlich Spannung und dramatisiert so die Spaltung. Innere Anteile sind immer ein Teil deiner Selbst, die von der Ganzheit abgespalten wurden, weil sie verschmäht, als negativ bewertet wurden oder so viel Schmerz beinhalten, der als nicht bewältigbar wahrgenommen wird. Jeder Innere Anteil trägt ein spezifisches Setting an emotionalen und mentalen Inhalten, die wir zwar wahrnehmen, aber unterdrücken, sobald sie hervorkriechen.  Und das ist per se ein Spaltungsvorgang ..

Mit dem Begriff “Innere Personen” wird ein komplexes Sammelsurium an emotionalen Inhalten, Beurteilungen, Gedankenkreisläufen und Identitätsstrukturen personalisiert und in eine Form gebracht, wodurch man in die Lage versetzt wird, konstruktiv und nach und nach – je mehr man versteht, selbstverantwortlich damit umzugehen. Was im Endeffekt dazu führt, diese abgekapselten, zum schweigen gebrachten Stimmen ins Bewusstsein zurückzubringen und zu integrieren. Und das ordnet das Chaos.

Letztlich geht es immer darum, zu lernen, die Verantwortung dafür zu übernehmen, was in uns ist. Nicht unsere Gefühle und Emotionen, oder Innere Stimmen zu ersticken.

Ein Eckehardt Tolle gibt uns beispielsweise den guten Rat – you have to quieten your mind. Ja, der blöde Verstand, ständig geht er einem auf den Wecker. Der hört einfach nicht auf zu bewerten!

All dieses Mindbashing ist ebenfalls wenig hilfreich. Klar, läuft eine Menge Mindfuck in deinem Kopf herum. Aber deinen Verstand dafür verantwortlich zu machen ist herzlich wenig zielführend. Es wäre in der Tat angenehm, würde es in unserem Kopf etwas ruhiger zugehen. Aber das erreicht man nicht damit, indem man willentlich versucht das Denken einzustellen oder indem man versucht, nur mehr positiv zu bewerten.

Weder der Emotionalkörper, noch der Mentalkörper, könnten in irgendeiner Weise eine Verantwortung haben. Das ist nicht deren Job, das ist mein Job. Deren Job ist, zu mir zurück zu reflektieren, wer ich bin. Oder wofür ich mich halte. Nicht mein Verstand, bzw., mein Mentalkörper, ist verantwortlich für das innere Chaos  – ICH bin dafür verantwortlich. Meine Gedanken und Gefühle reflektieren zu mir zurück, was ich als Energie reingegeben haben. Sie reflektieren, wie ich mit mir selbst umgehe, wie ich die Welt sehe, wie ich Umstände oder Menschen und mich selbst bewerte. Der Verstand ist ein Werkzeug, das kontinuierlich nichts anderes als seine Arbeit macht – die ich ihm, bewusst oder unbewusst aufgetragen habe. Es ist nicht der Verstand, der bewertet – ich bin das.

Die Herausforderung

Das hauptsächliche Problem ist unser “Automatikmodus”. Als Menschen sind wir zu unglaublichen technischen Leistungen imstande. Aber niemand scheint bisher auf die Idee gekommen zu sein, jedem Menschen von Kind auf beizubringen, wie man als Mensch mit seinem Bewusstsein umgeht. Den wenigsten von uns wurde gesagt, dass wir unseren internen Vorgängen Beachtung schenken sollen. Dass wir unsere Gefühle und Gedanken beachten und darauf achten sollen, was wir für Inhalte in uns aufnehmen.

Wir haben das einfach nicht gelernt.

Und so haben wir einen Inhalt nach dem anderen in uns aufgenommen, übernommen, bewertet und abgespeichert. Die Bewertungen, die wir als Kinder trafen, als Jugendliche, als junge Erwachsene und nun als Erwachsene treffen, existieren nebeneinander her. Im Laufe unseres Lebens haben wir so eine Vielzahl an Situationen und Umstände mit Bedeutungen aufgeladen, die sich teilweise ziemlich widersprechen obwohl Situationen ähnlich verliefen.

Dass das trotzdem, bis zu einem gewissen Grad  funktioniert, ist überraschend. Tja, bis – zu jenen Zeitpunkten, wo die Dinge nicht mehr so toll liefen. Wo Umstände oder Situationen auftraten, auf die wir weder vorbereitet waren, noch gelernt haben, damit umzugehen. Nennen wir es ruhig eine traumatische Erfahrung. Und meist passiert das bereits im frühen Kindesalter. Nachdem das passierte, hat man angefangen solche Situationen zu fürchten. Und wir haben auch angefangen, die eigenen Gefühle, die wir dabei empfunden haben, zu fürchten. Natürlich will man das nicht fühlen ..

Aber das nicht fühlen wollen oder nicht können, ist eben Teil der Dynamik, die zur stetigen Dramatisierung des Ganzen führt. Bis zu dem Moment, wo es zu einer Art inneren Eskalationszündung kommt und alles über dich hereinbricht, wie die zurückfließenden Wellen von Moses geteiltem Meer. Wooooosch! Oder um es anders auszudrücken: Wir reden hier von emotionalen Stauungen, die zu einer Art energetischen Verstopfung führen, bis irgendwann der Druck zu stark wird und ein winziger Anstoß ausreicht, um die eiternde Wunde aufplatzen zu lassen. Und dann kriegst du Durchfall.

Das Problem ist nicht die Bewertung, sondern die unbewusste, nicht selbstreflexive Bewertung, die einfach im Automatikmodus abläuft. In diesem Zustand sind wir oft nicht viel mehr, als Gedanken – und Emotionskonsumierer und lassen uns davon treiben und herumwirbeln. Die Dinge passieren uns einfach, wir sehen uns als Opfer und verstehen nicht unseren eigenen Anteil daran. Wir sind nicht mehr Herr/Frau des eigenen Systems.

Kennt ihr den Spruch: “Glaube nicht alles, was du denkst? Da steckt einige Wahrheit drinnen. Ich würde das erweitern, in – “glaube nicht alles, was du fühlst.“ Beide Sprüche sind natürlich eine Verallgemeinerung und von daher nicht Praxistauglich. Aber wenn es zu innerer Arbeit kommt, dann lernt man, dass da eine Wahrheit drinsteckt. Ich meine, die Emotion oder das Gefühl ist immer echt – irgendwas in dir fühlt sich so. Es ist eine Reaktion und eine Reflexion einer x beliebigen gegenwärtigen Situation, die das getriggert hat. Aber manchmal hat die emotionale Reaktion mit der Gegenwart eben wenig zu tun, sondern mehr mit unserer Vergangenheit und mit der emotionalen Ladung, die von dort stammt und einer Vielzahl von mehr oder weniger bewussten Bewertungen. Um das zu triggern reicht manchmal eine winzige Ähnlichkeit zur damaligen Situation aus. Das kann die Umgebung sein, ein Gegenstand, eine Stimmlage – alles mögliche. Man nennt das Re-Stimulierung.  

Es erfordert aktive, bewusste Anstrengungen, Tag für Tag, um wieder aktiver Benutzer des Hauses zu werden. Das kann man trainieren.

Nicht urteilen – die zweite

Bevor das überhaupt möglich wird, braucht es quasi eine Neuaufsetzung des Betriebssystems. Und die Verdauung, Klärung, Reinigung und Integration deiner Geschichten. Es gibt eine Phase auf diesem Weg, wo es hilfreich und sinnvoll ist, keine Bewertung und kein Urteil zu fällen. Das ist verdammt schwer und erfordert viel Übung. Ich hab das in meiner Fühlarbeit angewendet, wo ich alle aufkommenden Emotionen und Gefühle, sowie die damit zusammenhängenden Umstände in mir laufen ließ, ohne sie zu bewerten. Das schaffst du nicht beim ersten Mal, nicht beim 10. Mal und vermutlich auch nicht beim 30. Mal. Die interne und unbewusste Kommentierung von allem was in deinem System läuft, auf ein Minimum zu setzen, ist nur durch viel Training möglich. Wenn es trotzdem passiert, einfach wieder den Fokus zurücksetzen.

Je heftiger die Erfahrung, desto mehr würde ich professionelle Hilfe von außen empfehlen. Nicht jeder ist ein guter Autodidakt und auch ich hatte professionelle Unterstützung. Wir selbst sind bei manchen unserer Themen “Betriebsblind”. Speziell bei den tief sitzenden Inhalten.

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Es ist deshalb hilfreich nicht zu bewerten, damit die vorhandenen Stauungen sich lösen können, indem man erlaubt alles durchzufühlen, ohne zu bewerten was abläuft. Gemeint ist natürlich, keine negative Bewertung. Damit wird die Energie entzogen, von wo die Dramatisierung ihre Dynamik bezieht. Man setzt sich hin und akzeptiert jedes scheinbar negative Gefühl und lässt es durchlaufen. Man akzeptiert so gut man kann, alle unangenehmen Emotionen und “umarmt” sie. Man lässt sie ohne Zensur oder Bewertung heraus und lässt sich davon überschwemmen. Und irgendwann gelingt dir auch, die kritisierende Stimme in deinem Inneren einfach reden zu lassen, ohne auch sie zu bewerten. Mal mehr, mal weniger gut. 

Wenn du das lange genug machst, beginnen sich die Stauungen aufzulösen und fließen ab. Man entladet sich und dann kann das jeweilige Erlebnis dazu integriert werden. Und erst DANN können völlig andere, neue Bewertungen dazu getroffen werden, weil die Dinge klarer zu sehen sind, wie sie sind. Ohne den ganzen Ballast an negativen Bewertungen, die im Automatikmodus erzeugt wurden.

Das betrifft natürlich nicht nur Fühlarbeit, es erfordert eine bleibende Aufmerksamkeit für die internen Vorgänge, im ganzen Alltag. Du wirst dich immer wieder dabei erwischen, wie du in einen unbewussten, eher negativen inneren Monolog verfällst – dann stoppt man sich. Wieder und immer wieder, das ist Arbeit. Es mag ja ein schönes Ideal sein, ein so waches Bewusstsein zu erlangen, wo man ständig präsent ist. Das wäre perfekt, nicht? Ich persönlich glaube nicht, dass das überhaupt möglich ist. Zumindest noch nicht. Wir alle schwanken von Bewusstheit zu Unbewusstheit, das ist normal. Der Mensch ist kein perfektes Wesen. Ich glaube sogar, das ist das perfekte daran. Wir sind manchmal verletzlich, manchmal stark, wir haben dunkle und helle Momente und wir sind sterblich. That’s life, das ist menschlich ..

Wie schon gesagt, es geht nicht darum, nicht mehr zu beurteilen – sondern darum, bewusste, klarere Bewertungen möglich zu machen. Diese gehen dann natürlich in den Raum ein, wo die unbewussten Bewertungen laufen. Die Folge ist, dass die unbewusste Bewertungsdynamik auf einer anderen, weitaus gesünderen Ebene funktioniert.

Am Ende gibt es nichts anderes zu verstehen, dass wir all das erschaffen, was in uns ist. Immer, ohne Ausnahme. Was nicht bedeutet, dass wir 100 % Kontrolle oder Macht hätten, was in unserem Leben passiert – aber was wir damit anfangen, in dem wir es auf spezifische Weise beurteilen, das liegt eindeutig innerhalb unseres Machtbereiches. Das kann man lernen – so stay tuned.

DISCLAIMER:

Nichts was du hier liest ist DIE Wahrheit. Es ist meine Wahrheit, meine Wahrnehmung und wie ich die Dinge sehe – jetzt, in diesem Moment.

Until next time same station ..

Referenz: Teil 1

https://stevenblack.blog/2019/01/15/der-ursprung-von-emotionen/

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© Steven Black

Alle selbstgeschriebenen Artikel auf meiner Website dürfen bei Nennung des Autors und Linksetzung der Website, gerne rebloggt und weiterverteilt werden. Ausgenommen davon sind Gewerbliche Interessen, wie etwa einen dieser Artikel in diversen Medienpublikationen zu veröffentlichen, dies bedarf der Genehmigung des Autors.

7 Kommentare

  • Wie soll es möglich sein im praktischen Sinne ein „Seelenexperte“ für andere Menschen zu sein?Selbst hoch qualifizierte Psychologen haben gavierende Mängel richtige „Diagnosen“ über kranke Menschen ab zu geben.Die Seele eines jeden einzelnen Menschen unterscheidet sich immer von allen anderen,der physikalische Bereich hier in dieser Welt dient einzig und allein dem Zeweck sich weiter zu entwickeln bis hin zur höchsten Seins ebene 🙂 Ich bin mir eines Stuhls bewusst, also bin ich nicht der Stuhl.
    Ich bin mir meines Körpers bewusst, also bin ich nicht mein Körper.
    Ich bin mir meiner Gedanken bewusst, also bin ich nicht meine Gedanken.
    Ich bin mir meiner Wünsche bewusst, also bin ich nicht meine Wünsche.
    Ich bin mir meiner Gefühle bewusst, also bin ich nicht meine Gefühle.
    Ich bin reines Bewusstsein und dieses ist das Symptom der SEELE !
    Sie ist Antimateriell und unzerstörbar, ewig,

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  • Wie immer guter Artikel!

    Was wäre die Welt ohne Gefühle und Emotionen, also für mich total langweilig. Ist es nicht herrlich diese zu leben? An uns liegt es doch wie man damit umgeht, sie einsetzt und kultiviert.

    Wenn man im Dialog mit anderen ist und bewusst erlebt wie man sie steuert, es gibt doch nicht Schöneres.

    Für mich sind diese Anteile ein tolles Geschenk was wir bekommen haben und ich möchte sie nicht missen, sie gestalten unser Lebn bunt, wäre es nicht öde ohne diese Attribute?

    Wie gesagt, bewusst damit umgehen, somit kann ich mein Leben auch bewusst gestalten.

    Gedanken machen groß, Gefühle reich.“

    Marcus Fabius Quintilian

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  • Thomas Schmelzer

    Lieber Steven Black,

    Das ist ein hervorragender Artikel. Dürften wir ihn auch auf MYSTICA veröffentlichen? Natürlich mit VITA und Link am Ende…

    Viele Grüße

    Thomas Schmelzer Live von unterwegs…

    >

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